Berlin : Der kurze Weg von der Fanmeile zur Flennmeile

Schon vor der Niederlage war die Stimmung auf der Straße des 17. Juni schlechter als sonst

A. Becerik[E. Kalwa],S. Beikler[E. Kalwa],C. Dobberke[E. Kalwa],A. Stiegler

Auch Berlin hat gestern Abend in Durban verloren, auch für die Stadt ging es um alles – leider ohne Erfolg. Der Ausgang des Halbfinales sollte entscheiden, ob die deutsche Mannschaft nach der WM in Berlin an der Siegessäule feiern wird – oder doch eher in Frankfurt am Main. Denn voraussichtlich, so war zu hören, findet die Berliner Feier mit den Fans nur statt, wenn Deutschland Weltmeister oder Vize-Weltmeister wird. Am heutigen Donnerstag will der Deutsche Fußball-Bund entscheiden, ob und wann Löws Elf kommt. Nun, die Chancen stehen denkbar schlecht.

Ein nervenzerreißendes, zuletzt todtrauriges Spiel, dessen Verlauf sich auf den Gesichtern der hunderttausenden von Fans in der Stadt, beim Public Viewing oder daheim vor dem Fernseher, widerspiegelte. Besonders zahlreich natürlich auf der Fanmeile. Die ersten – noch enthusiastischen – Besucher waren schon gegen Mittag gekommen, am Abend wurden es dann wieder um 350 000 Fans, die dort übliche Größe bei Spielen dieser Klasse, bis auf Weiteres vielleicht zum letzten Mal. Längere Schlangen, gar vorzeitig geschlossene Tore meldete die Polizei nicht, trotzdem ging es schon an einigen Eingängen hitzig zu. Die Polizei sprach von „Scharmützeln“ mit einigen Fans, bereits da wurden fünf Randalierer festgenommen. Es gab Anzeigen wegen Körperverletzung, Blutproben wurden genommen, denn offensichtlich waren die Prügler stark alkoholisiert.

Auch später war die Stimmung deutlich aggressiver als bei den Spielen zuvor, es gab auch mehr Alkoholisierte, wie Polizei und Rettungskräfte meldeten. Anfangs konnte das die Stimmung insgesamt nicht trüben. Sogar einige Polizeiautos waren mit schwarzrotgoldenen Fähnchen geschmückt. Dass sich die Zeit dieser Fanartikel langsam neigt, merkte man an den Angeboten der Händler: Einige hatten die Preise schon herabgesetzt.

Auch hinterher gab es vereinzelt Rangeleien, allerdings in dem bei solchen Großveranstaltungen üblichen Rahmen, wie die Polizei sagte. Aber die meisten wollten einfach nur noch ganz schnell nach Hause, die Party war vorbei.

War die Straße des 17. Juni noch einmal ein Meer in den Nationalfarben, ging es an anderen Orten in der Stadt dezenter zu, beispielsweise am Arkonaplatz: Ein flüchtiges Schwarz-Rot-Gold auf der Wange, hier und da ein weiß-schwarzes Trikot, aber keine peinlichen Cowboyhüte oder gar Perücken. Mitte, bitte! Grillrauchschwaden lagen über dem Platz. 300 Fans hatten die Ecke Anklamer/Granseer Straße am Weltempfänger zur Public-Viewing- und Fußballparty-Zone gemacht. Das Ganze hatte nichts Anarchisches, die Veranstaltung wurde angemeldet, die Polizei hatte ordnungsgemäß abgesperrt – mit Sackgassenschildern. Da beschwert sich dann auch kein Autofahrer. Hinterher gingen alle ganz schnell auseinander, nur ein gemischtnationales Pärchen, er Deutscher, sie Spanierin, hatte deutliche Entscheidungsprobleme: Sie wollte feiern, er nur noch schlafen.

Auch der Kurfürstendamm und seine Nebenstraßen wurden an diesem Abend der Entscheidung zur Fanmeile – und dann später zur Flennmeile. Welcher Wirt hätte sich auch so eine Umsatzgelegenheit entgehen lassen und auf Public Viewing verzichtet, und sei es nur im begrenzten Rahmen eines gut dimensionierten Flachbildschirms. Klar, dass sich im „Don Quijote“ in der Bleibtreustraße besonders die Spanier, die von Geburt und die aus Sympathie, versammelt hatten, um gebannt auf Leinwand oder TV-Bildschirm zu starren. Praktisch während der ganzen ersten Halbzeit wurde der Mannschaft in Rot zugejubelt, und dies nicht selten in Familienstärke. Und dabei wurde mit Genuss gespeist: Fußball war zunächst die Hauptsache, aber doch nicht alles – etwas, was sich mit Voranschreiten des Spieles änderte. Manch einer verlor zuletzt vor Freude die Fassung, wie der Wirt, der in Tränen ausbrach.

Der Kurfürstendamm wurde trotz der deutschen Niederlage wieder kurz gesperrt, und das war berechtigt, denn klar, dass es auch diesmal einen Autokorso gab, wenn auch einen sehr kleinen. Und die Farben hatten gewechselt: Rot-Gelb statt Schwarz-Rot-Gold.

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