Berlin : Der Laden-Hüter

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Von Katja Füchsel

Das Ganze ist ihm furchtbar unangenehm. Die obere Zahnprothese ist kaputt, die neue noch nicht eingetroffen. Peinlich, sagt Wolfgang Maurer* kopfschüttelnd. „Ich sehe aus wie mein eigener Opa." Ein recht junger Großvater müsste das sein, 50 Jahre alt, in Jeans, T-Shirt und Jackett. Die nackten Füße stecken in Sandalen, die Touristen so gern am Strand tragen. Mit schwarzer Gummisohle und Klettverschlüssen.

Derzeit nicht gerade das perfekte Schuhwerk, doch das Wetter ist Maurer egal. Die roten Vorhänge seines Zimmers sind zugezogen, die Gitter dahinter werfen ein verzerrtes Muster auf den Stoff. Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Abteilung für psychisch kranke Straftäter, Station 27, Zimmer 38. Auf den Gängen sitzen Maurers Nachbarn. An kleinen Tischen stochern sie in ihrem Essen, schauen stumm aus dem Fenster. Andere laufen auf und ab, von einem Ende des Flurs zum anderen. „Wenn es hier eine Kilometerpauschale gäbe", sagt Maurer grinsend, „wären die schon alle Millionäre." Aber noch etwas unterscheidet den Mann mit der strubbeligen Frisur von seinen Nachbarn: Die anderen wollen gerne raus, aber dürfen nicht. Er darf raus, aber will aber nicht. Es ist ein Eiertanz, sagt Marion Anthoff, die leitende Psychologin, seufzend. Seit über vier Jahren versuche die Klinik, Maurer auf seine Entlassung vorzubereiten. „Aber er hat immer alles getan, um das zu zu verhindern.“

Maurer hat Jahrzehnte seines Lebens in Gefängnissen und der Psychiatrie verbracht. Irgendwann zwischen 1977 und heute hat ihn dann sein Freiheitsdrang verlassen. Die Welt da draußen bedeutet für Maurer vor allem: Stress. Und Angst. Maurer drückt es gelassener aus. „Teilweise habe ich das Interesse an draußen verloren." Hospitalismus nennen das die Experten. Nicht jeden, der lange eingeschlossen wird, erwischt es. Es gibt keine Statistiken, aber im Maßregelvollzug, wo psychisch kranke Straftäter untergebracht werden, und auch in den Gefängnissen ist das Phänomen bekannt. „Das kommt immer mal wieder vor“, sagt Klaus Lange-Lehngut, seit rund 20 Jahren Leiter der Vollzugsanstalt Tegel. „Die fühlen sich dann hier wohler als draußen.“ Die gealterten Verbrecher müssen langsam wieder an die Freiheit gewöhnt werden, ziehen draußen zunächst in einer WG mit Betreuern und Psychologen ein. Unternehmen manche in Freiheit dann alles, nur um zurück ins Gefängnis zu kommen? Pöbeln, schlagen, stehlen? Lange-Lehngut winkt ab. „Sowas passiert nur im Film."

Das Leben schreibt bekanntlich andere Drehbücher. Wenn überhaupt, gäbe Wolfgang Maurer einen traurigen Helden ab. Ein Heimkind ohne Schulabschluss und Lehre, die Eltern alkoholabhängig, seine kleinkriminelle Karriere begann mit 14. Später kamen die Drogen hinzu: Alkohol, Morphium, Haschisch, Heroin. . . In die geschlossene Psychiatrie brachte Maurer seine laut Gutachten „schwere seelische Erkrankung", das so genannte Borderline-Syndrom. Psychotische Schübe, die Maurers Persönlichkeit völlig verändern. Wahnvorstellungen, Depressionen und paranoide Ängste. Einmal erschreckte Maurer in seinem Wahn eine Krankenschwester der Nervenklinik zu Tode. Ein anderes Mal ging er hier „mit hassverzerrtem und wirrem Gesichtsausdruck" auf zwei Fremde mit einem Zimmermannshammer los. „Aufgrund dieser Erkrankung hat der Angeklagte auch eine hohe Neigung zum Konsum von Suchtmitteln", heißt es im Urteil in von Maurers letztem Prozess. Das war 1990.

Maurer hat sich inzwischen mit seinem Schicksal abgefunden. Und sich in der Gefangenschaft so gut wie möglich eingerichtet. „Ich kann Ihnen mein Zimmer zeigen", sagt er fröhlich. Die Tür zu dem engen Raum reißt er auf wie ein Kind seine Spielzeugkiste: Ein schmales Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch, ein wackliges Bücherregal. Auf dem Nachttisch liegt eine alte Bibel, ein Rosenkranz, ein Foto seiner Mutter. Ein Fernseher, eine tragbare Musikanlage. Das Bild über der schwarzen Schreibmaschine wird von einer roten Lampe angestrahlt: Andere würden Strand, Meer und Palmen in dieser Umgebung zum Heulen bringen - Maurer sagt beiläufig „aus irgendeiner Zeitschrift ausgerissen". Und klingt dann plötzlich wie ein nörgelnder Hotelgast: Schon morgens um sechs werde er vom Lieferverkehr auf dem Gelände geweckt! Das ständige Tischtennisspiel der Patienten sei unerträglich! Jetzt soll auch noch ein Kicker her! Immerhin: „Das Essen ist wirklich gut."

Wenn Maurer wollte, könnte er - begleitet - ins Grüne fahren. Oder einkaufen. Im Sommer könnte er sich mit seinem liebsten Buch („Ich lese alles, von Goethe bis zur Bibel.") an einen See packen. Oder seinen Vater besuchen. Alles zu viel Stress, winkt Maurer ab und verschränkt die Arme vor der Brust. „Mein Vater hat außerdem meistens schlechte Laune." Schon der Gedanke an eine U-Bahnfahrt macht Maurer Angst. „Die ganzen Menschen: vor mir einer, hinter mir.“ Lieber lässt er sich mit 32 Fremden einsperren, hinter Gittern, wo sich die Tage ähneln wie Schrauben auf dem Fließband.

Warum schmeißen sie den Mann nicht einfach raus? Doch mit einer Zwangsexmatrikulation wäre dem Steuerzahler vermutlich wenig geholfen. Auch, wenn Maurer heute für andere nicht mehr gefährlich ist, bei zu viel Stress droht der Rückfall: „Ohne sanften und gut kontrollierten Start würde ich ihm draußen keine zwei Wochen geben", sagt Frank Müller-Prochazka. Der Sozialarbeiter hat Maurer jahrelang betreut. Hat ihn Anfang der 90er oft beim Ausgang begleitet, zum Einkaufsbummel mit anschließender Currywurst. Maurer genoss die Ausflüge. „Das ist wie mit zwei Kumpeln, die shoppen gehen - fehlte nur noch ein Bierchen“, klopfte er dem Betreuer zuweilen auf die Schulter.

Die Zuversicht schwand mit den Jahren. Die Ausgänge wurden seltener, Maurers Ausreden zahlreicher. Minutiös geplante Besuche bei seinem Vater ließ er im letzten Moment platzen. Brachte Müller-Prochazka seinen Patienten dann doch mal vor die Tür, verlief der Ausflug „ganz verkürzt und getrieben“. Weil sich Maurer im Wilhelm-Sander-Haus der Klinik immer wohler fühlte, beschlossen die Ärzte, ihn nach elf Jahren aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen. Gefruchtet hat der Umzug bislang nicht. Dafür hat Maurer ein paar zusätzliche Brieffreunde gewonnen: ehemalige Betreuer, Ärzte, Therapeuten und Stationsnachbarn.

Dass er auf die meisten Briefe keine Antwort erhält, stört Maurer nicht. Doch er nimmt sich ganz fest vor: Ausgang, wenn seine Ex-Frau nach Berlin kommt. Da zappelt er auf dem Stuhl, als könnte es jeden Moment losgehen. Doch er ist in Sicherheit: Seine Ex ist auf Entziehungskur. Er kann sie frühestens in eineinhalb Jahren besuchen.

* von der Redaktion geändert.

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