Berlin : Der Laden läuft

Spätkauf-Geschäfte haben mit den verlängerten Öffnungszeiten neue Konkurrenten bekommen Doch Sorgen bereitet ihnen das nicht – die wenigsten Warenhäuser würden das auf Dauer durchhalten

Annette Kögel

Je später der Abend, desto mehr Kunden kommen zu Umut. „Umut’s Spätshop“ leuchtet es nachts auf dem Schild über dem Laden des 22-jährigen Jungunternehmers. Geöffnet ist hier aber auch schon in aller Frühe, weil die Kunden morgens ihre Zeitung haben wollen.

In dem vor kurzem eröffneten Laden mit Spätverkauf an der Blücher- Ecke Urbanstraße in Kreuzberg trifft sich auch noch um Mitternacht eine bunt gemischte Kundschaft. Der eine Kreuzberger braucht einen Flachmann, dem nächsten ist das Toilettenpapier ausgegangen, ein anderer verlangt den „Spiegel“. Manch einer kommt auch nur mal kurz auf einen Kaffee und eine Zigarette zum Plaudern vorbei – der Spätkauf des türkischstämmigen Umut Dikmen wird gut angenommen. Der Ich-AG-Gründer befürchtet jetzt, dass „der Umsatz wegen der neuen Verkaufszeiten in Berlin schon ein bisschen runtergehen wird“. Die Erfahrungen anderer Spätkauf-Stellen zeigen jedoch, dass die Shops mit Verkauf bis in den frühen Morgen ihren Marktvorteil wohl auch künftig werden ausspielen können.

Die Berliner Spätkauf-Betreiber waren die Pioniere bei den längeren Öffnungszeiten. Das Konzept stammt noch aus so gar nicht kapitalistischen DDR-Zeiten. „In Ost-Berlin war das damals völlig legal, bis in die Nacht aufzuhaben, damit auch die Schichtarbeiter einkaufen gehen konnten“, sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg e.V.. Nach der Wende verkauften auch Shops in den Westbezirken immer häufiger noch nach der Tagesschau Milch und Kaffee, Vollkornbrot und Rum-Cola. „Die meisten Bezirksämter drückten bei den Öffnungszeit-Piraten ein Auge zu und duldeten die Geschäfte ähnlich wie die türkischen Läden, die ja fürs Einräumen auch bis Mitternacht brauchen“, sagt Busch-Petersen. Oder sie behalfen sich mit „Trick 17“, wie Handelsverbands-Referent Klaus Fischer sagt: Nebenbei einfach ein paar warme Würstchen anbieten, und schon lief der Laden legal als Imbiss.

Ob die Kundschaft in Zukunft treu bleibt? „Ich glaube nicht, dass sich die Spätkauf-Betreiber ernsthaft Gedanken machen müssen“, sagt Handelsexperte Fischer, „denn die wenigsten großen Häuser werden die Öffnungszeiten nach der Weihnachtszeit durchhalten.“ Das glaubt auch Berk Gükmen. Er verkauft mit seinem Bruder Görkhan abends in „Göki’s 24 hours“ an der Langenscheidtstraße in Schöneberg. Schnell noch eine Illustrierte oder einen Snack – die Bedürfnisse der Laufkundschaft werden sich doch nicht plötzlich ändern, meint Berk Gükmen. Für eine Schachtel Zigaretten fahre auch sicher niemand extra ins KaDeWe. Wenn auch Geschäfte an der nahen Hauptstraße länger öffnen sollten, werde das abends sogar zusätzlich Kunden anziehen, ist er überzeugt.

Ähnlich optimistisch sieht das Robin Leonhardt, stellvertretender Stationsleiter der Aral-Tankstelle an der Weddinger Brunnenstraße 119. „Wir merken hier noch keinen Rückgang“, sagt Leonhardt. Auch er erwartet, dass die große Konkurrenz „das nach Weihnachten nicht lange durchhalten wird mit dem Spätverkauf – wenn, dann höchstens zum Wochenende hin.“

Beim Spätkauf-Kollegen Umut Dikmen in Kreuzberg geht die Ladentür derzeit weiter ständig auf, erst recht, wenn der gegenüberliegende Edeka-Laden um 20 Uhr schließt. Bei Umut, dem die Eltern helfen, kann man eben mehr als auf den letzten Drücker eine Flasche Wein kaufen. Die Leute kommen weiter zum Smalltalk mit Umut und Freundin Marta, die ihm fast täglich nachts bis eins Gesellschaft leistet. Und der Inhaber des türkischen Tante-Emma-Ladens achtet schon mal drauf, ob sich jemand am Auto zu schaffen macht, wenn man vergaß, das abzuschließen. Ein echter Geschäftsvorteil.

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