• Der Langfinger sei hiermit gewarnt - eine glückliche Winzerhand hatten die Preußen noch nie (Glosse)

Berlin : Der Langfinger sei hiermit gewarnt - eine glückliche Winzerhand hatten die Preußen noch nie (Glosse)

Christoph Stollowsky

Wer ist der schnöde Dieb, der jüngst still und heimlich 94 Flaschen besten Kreuzberger Weines heimlich aus dem Rathauskeller weggeschleppt hat? Nur für VIPs war der seltene Riesling-Tropfen aus dem bezirkseigenen Anbau im Viktoria-Park reserviert, eine Rarität also, die auf dem freien Markt pro Flasche zwei Hunderter wert sein soll - und nun diese Hiobsbotschaft. Stadträte werden verdächtigt und höchste Beamte mit Schlüsselgewalt. Außerdem sind die Mitarbeiter des Wirtschaftsamtes völlig verdattert, weil sie seit Jahren gewissenhaft Buch führen über jede Flasche des "Kreuz-Nerobergers", die das Rathaus verlässt.

Hat der Dieb vielleicht vor, eine ausgelassene Party zu feiern mit Berliner Rebensaft? Es heißt zwar, sauer macht lustig, doch der Langfinger sei gewarnt. Es könnte verzogene Mienen geben, denn eine glückliche Winzerhand hatten die Preußen noch nie. Auch an den Hängen des heutigen Friedrichshain wurden Weinstöcke Anfang des 19. Jahrhunderts gehegt, ebenso wie in Blankensee im Süden von Berlin, dessen Riesling allerdings ein Grund war, die Gasthöfe des Ortes schleunigst zu verlassen, wie es heißt.

Also verschwand das preußische Winzergewerbe irgendwann sang- und klanglos, schließlich war es von der Sonne nicht gerade verwöhnt.

Doch am Kreuzberg bindet man tapfer weiter die Reben hoch und hat die Hoffnung nicht fahren lassen, einen Spitzenplatz unter den Weinen der Welt zu ergattern. Oder setzt man darauf, dass alles, was rar ist, an Wert gewinnt? So gesehen, hätte der Dieb gute Beute gemacht, und die Kreuzberger sollten ihren Keller besser sichern. Vielleicht mit einem schweren Vorhängeschloss.

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