Berlin : Der langsame Abschied vom Bahnhof Zoo

Täglich kommen zehntausende Reisende an, doch schon bald halten hier nur noch wenige Züge. Die großen Umbaupläne sind jetzt in Gefahr

Klaus Kurpjuweit

Der Bahnhof Zoo ist viel mehr als nur ein Bahnhof. In Westdeutschland war er zu Mauerzeiten das Synonym für West- Berlin. Jetzt heißt es, langsam Abschied nehmen. Wenn der künftige Hauptbahnhof am früheren Lehrter Bahnhof wie geplant 2006 betriebsbereit ist, werden im ehemaligen West-Berliner „Hauptbahnhof“ viel weniger Züge halten als heute. Für viele Fahrgäste werden dann die Wege zu den Fernzügen länger. Die Bahn bereitet sich bereits darauf vor. Derzeit ist keine Rede mehr davon, den Bahnhof Zoo weiter großzügig umzubauen.

Der künftige Hauptbahnhof am Kanzleramt soll zum größten Turmbahnhof Europas ausgebaut werden. Die Bahnplaner rechnen mit täglich 240 000 Besuchern, die dort auch einkaufen sollen. Damit sich der Milliardenaufwand für die unterirdische Nord-Süd-Verbindung einigermaßen rechtfertigt, muss die Bahn möglichst viele Züge durch den Tunnel schicken, die dann an einem der vier Bahnsteige der unterirdischen Halle des Hauptbahnhofs halten. Diese Züge können so nicht über die oberirdische Ost-West-Stadtbahn fahren. Damit entfallen bei ihnen die Stopps im Ostbahnhof – und im Bahnhof Zoo.

Durch den Tunnel geschickt werden die Züge aus Hamburg, Rostock und Stralsund und vielleicht irgendwann auch wieder diejenigen aus Kopenhagen oder Stockholm. Der künftige Hauptbahnhof soll ja ein europäischer Bahnknoten werden. Auch die Züge aus dem Süden, aus Leipzig, Dresden und München, werden durch den Tunnel fahren. Möglich ist dies auch bei den Verbindungen nach Frankfurt/Main.

Berlin-Besucher sehen dann nicht einmal mehr vom Zug aus den Bahnhof Zoo, denn die Bahnen aus dem Tunnel umkurven das Zentrum der Stadt im Norden auf der Ringbahn zwischen Moabit und Wedding. Der Stadtbahn - und dem Bahnhof Zoo sowie dem Ostbahnhof – bleiben dann nur noch vorwiegend die Fernzüge aus dem Ruhrgebiet sowie aus Richtung Frankfurt (Oder) und Warschau.

Auch im Regionalverkehr werden die Nord-Süd-Verbindungen, die heute noch den Umweg über den Bahnhof Zoo nehmen, durch den Tunnel fahren. Selbst zum Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) in Schönefeld erreichen Fahrgäste vom Bahnhof Zoo aus den geplanten Airport-Express nur mit Umsteigen im neuen Hauptbahnhof. Denn auch die schnellen Flughafen-Züge sollen durch den Tunnel rauschen.

Im und am Bahnhof Zoo wird es dann leerer. Derzeit finden bis zu 180 000 Menschen den Weg täglich dorthin. Die Bahn macht nach eigenen Angaben glänzende Geschäfte mit den 1994 eingerichteten Geschäften im Bahnhof. Dort sollten deshalb auch in einer weiteren Umbauphase die Verkaufsflächen erweitert werden. Auch eine so genannte Lounge, ein komfortabler Wartebereich für die Fahrgäste, sollte im Zwischengeschoss beim heutigen IC-Restaurant geschaffen werden. Immerhin baut die Bahn derzeit neue Aufzüge und Rolltreppen zu den beiden Bahnsteigen ein.

Ob aber die großen Umbaupläne noch umgesetzt werden, ist ungewiss. Die Überlegungen seien noch nicht abgeschlossen, sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Nach Tagesspiegel-Informationen sind die Arbeiten aber mindestens bis nach der Inbetriebnahme des Hauptbahnhofs verschoben worden – falls sie sich dann überhaupt noch rentieren, wenn der Bahnhof Zoo nur noch eine x-beliebige Station sein wird.

Schlechte Erfahrungen mit einem Umbau hat die Bahn in Lichtenberg schon gemacht. Dort ließ sie den Bahnhof Mitte der 90er Jahre für rund 15 Millionen Euro aufwändig renovieren, obwohl schon bei der Planung klar war, dass der Fernverkehr dort keine Rolle mehr spielen wird. Jetzt steht dort rund die Hälfte der Geschäfte leer.

Im Bahnhof selbst scheint man sich mit der Zukunft schon abgefunden zu haben. Auf den Anzeigetafeln ist dort schon als nächster Halt „Hauptbahnhof“ zu lesen.

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