Berlin : Der leise Terror

Stalker belästigen und bedrohen ihre Opfer über Jahre – bis diese psychisch krank werden

-

Der Mann im Overall legt den Wasserschlauch weg. Petra Lange* lässt den Motor an und will ihr Cabrio auf die Transportschienen der Waschanlage setzen. Plötzlich steht er am Seitenfenster. „Sind Se sicher, dass Ihr Dach das aushält“, fragt er. Sie guckt ihn verblüfft an. Was soll denn sein mit dem Dach? Wieso soll das was nicht aushalten? „Na, wegen dem Schnitt da!“ Hastig würgt sie den Motor ab, steigt aus, lässt sich die Stelle zeigen. Tatsächlich. Das Dach hat einen Schlitz wie mit dem Messer gezogen, zentimeterlang und durch bis zum Himmel.

Fieberhaft rekapituliert sie den Abend vorher, als sie den Wagen zuletzt benutzt hatte. Sie war tanzen gewesen und hatte ihn danach wie immer auf der Straße abgestellt. Märkisches Viertel. Hochhäuser. Sie war klitschnass nach Hause gekommen. Es hatte die ganze Nacht weiter gegossen. Die Autositze sind trocken. Irgendwelche Typen um die Disko herum können es also nicht gewesen sein. Aber das Dach ist kaputt. Haftpflichtversicherungen zahlen sowas nicht. Wieder kommt dieses ungute Bauchgefühl. Dass einem einfach jemand das Auto zerschlitzt – unheimlich. Warum ihres? Sie versucht, es niederzukämpfen. War sicher „Vandalismus“. Kommt leider vor. Sie will es nicht auf sich beziehen. Sie hat schon genug Aufregung wegen Horst.

Kurz danach entdeckt sie zwei Dellen. Ohne Lackspuren von anderen Fahrzeugen. Vom Einparken können die nicht kommen. Langsam wird die Sache bedrohlicher. Eine Garage kann sie sich nicht leisten. Sie versteckt ihr Auto. Aber sie schafft nicht mehr, die Attacke für Zufall zu halten. Auto und Horst – das gehört zu eng zusammen. Er hatte ihr das Cabrio vermittelt, als sie noch zusammen waren. Er fand, es stehe ihr besser als ihr altes. Und was Horst findet, ist Gesetz.

Einmal hatte sich Petra schon von ihm getrennt. Dann hatte sie ihm noch eine Chance gegeben. Trotz seiner Drill-Vorstellungen, nach denen sie ihren Sohn erziehen soll. Trotz seiner ständigen Angeberei, ja, auch Sex-Protzerei. Irgendwann war Schluss. „Ich hab gesagt: Ich möchte nicht mehr, lass uns einfach nur gute Freunde sein.“ Drei Wochen geht es gut. Plötzlich fängt Horst Wächter* an, dauernd bei ihr anzurufen. „Ich ging ran, da war jemand in der Leitung, meldete sich aber nicht, ich legte auf – zwei Minuten später klingelte es wieder.“ Telefonterror. Ihre Nummer ist geheim. Sie geht nicht mehr ran, verabredet Klingelzeichen mit Freunden und Verwandten. Horst weicht aufs Handy aus, Terror per SMS. Sie sei krankhaft frigide und solle sich einweisen lassen, höhnt er. „Ich hab auch noch drauf reagiert“, sagt sie, als könne sie heute überhaupt nicht mehr fassen, dass man so naiv sein kann. Kontert, dass ein Mann wohl nicht unschuldig ist, wenn eine Frau keinen Orgasmus kriegt.

Petra Lange ist eine attraktive Frau. Rothaarig. Selbstbewusst. Mitte 20. Horst Wächter ist erheblich älter und Beamter im öffentlichen Dienst. „Er hält sich für den tollsten Hecht, dem die Frauen zu Füßen liegen. Dabei ist er bloß ein kleiner Mann, der immer im Mittelpunkt stehen muss.“ Er droht: „Spar dein Geld, du wirst es brauchen, denn lange hast du deinen Job nicht mehr!“ Sie droht zurück: „Lass mich endlich in Ruhe, sonst könnte ich deinem Chef was ausplaudern.“ Alles per SMS. Er dreht die Sache um. Antwortet unter einem Frauennamen von einem Handy, dessen Nummer Petra nicht kennt: „Hör auf, Horst zu belästigen!“ Sie, wutentbrannt: „Wer belästigt denn hier wen?“

Das Gift beginnt zu wirken. Seine Aktionen nisten sich ein in ihr Leben. „Man nimmt sich immer vor, es zu ignorieren, aber man tut’s nicht. Man ärgert sich innerlich“, sagt sie. Sie besorgt sich ein neues Handy, lässt das alte aber in Betrieb. Soll er sich da austoben. Aber zwei Handys kosten mehr als eins. Sie ändert ihre Festnetznummer. Auch das kostet. Aber eine Zeit lang ist Ruhe. Wenigstens tagsüber. Nachts nicht. Nachts hat Petra Lange Albträume, wenn sie überhaupt einschläft. „Ich bin morgens mit geränderten Augen aufgestanden, das hat natürlich mein Sohn mitbekommen.“ Der Dauerstress sägt an den Nerven. Sie reagiert aggressiv und gereizt, auch bei der Arbeit. „Mich hat jede Fliege an der Wand gestört!“ Mitten in diese relative Ruhe hinein platzt das zerschlitzte Autodach. Sie merkt, sie wird schreckhaft.

Wenn jemand sie im Dienst auf dem Bahnsteig von hinten anspricht, zuckt sie zusammen: Ist er das? Geht er mir jetzt an den Job? Eines nachmittags, „zwanzig Minuten, bevor ich zur Arbeit musste, klingelt es an der Tür: „Sie haben zweimal Familienpizza bestellt?“ Hat sie nicht. Aber sie kennt die Pizzeria. Horst auch. Sie waren da oft. Sie geht vor dem Dienst dort vorbei, erfährt vom Pizzeriachef, ein Mann habe die Bestellung aufgegeben, und entschuldigt sich, obwohl sie gar nichts getan hat. Aber die Unsicherheit nagt: „Glauben die mir oder halten die mich für irre? Hat der mich nicht ein bisschen komisch angeguckt?“

Stalking. Monatelang hat sie versucht, dieses Wort nicht zu denken. Keine Verbindung zuzulassen zwischen dem, was sie durchmacht, und den TV-Reportagen über den schleichenden Terror durch obsessives Belästigen, Verfolgen, Bedrohen und Irremachen, die sie auch gesehen hat. Sie ist ja kein Promi. Sie ist Frau Jedermann, eine berufstätige, alleinerziehende Mutter. Und alles in ihr sträubt sich dagegen, sich selbst als Opfer zu sehen. Aber es gibt keinen anderen Weg, um aus der Opferlage rauszukommen.

Bei Petra Lange ist es soweit, als sie zum zweiten Mal Essen geliefert bekommt, das sie nicht bestellt hat. Sie geht zur Polizei, macht eine Anzeige gegen unbekannt und nennt Horst Wächter als Verdächtigen. Sie hat keine harten Beweise, aber eine Vermutung auszusprechen, ist ihr gutes Recht. Nur dass das in ihrem Fall die Sache noch gefährlich machen könnte. Wächter könnte dank seiner Stelle im öffentlichen Dienst an Polizeinformationen kommen. Ihre Dienstpläne jedenfalls kennt er genau. Und er trägt Waffen. Ob ihre Anzeige zu Ermittlungen gegen ihn führt, sagt man ihr nicht. Aber Horst Wächter schickt plötzlich einen Brief voller „Beleidigungen unter der Gürtellinie“. In dem steht auch der Satz: „Man sieht sich im Leben immer zweimal und das werden wir.“ Petra Lange erzählt, und es wird beklemmend eng in ihrer geräumigen Wohnung mit den heiteren Farben, obwohl aus dem Nebenzimmer fröhliches Lachen dringt.

Ihr kleiner Sohn spielt mit ihrem neuen Freund. Was sich ihr Verfolger seit der Anzeige hat einfallen lassen, klingt wie die Szenarien der „operativen Zersetzung“, mit denen die Stasi ihre Gegner fertiggemacht hat. Pakete kommen. Von Quelle, Neckermann, Otto. Kleider, die sie nie bestellt hat. Exakt ihre Größe, ihre Lieblingsfarben. Sie trägt sie alle zur Post und schickt sie zurück. Das kostet zwar kein Porto, aber Sprit und Zeit. Und wenn man Versandhäusern zu oft Retourkosten verursacht, kommt man auf die Liste. Will man dann wirklich mal was bestellen, kriegt man nichts mehr. Petra Lange telefoniert mit einem halben Dutzend Call-Centern der Versandhäuser, jedesmal endlos lange über gebührenpflichtige 0180er-Nummern.

Helfen können die nicht. Sie können nur ihren Namen und ihre Adresse für Bestellungen sperren. Dann liegt ein Benachrichtigungsschein der Post im Briefkasten. Sie soll ein Einschreiben abholen. Nicht in ihrer Filiale, sondern ziemlich weit weg in einer anderen. Sie denkt: Wahrscheinlich sind wieder ein paar Postämter wegrationalisiert und fährt durch die halbe Stadt. Aber da ist kein Einschreiben für sie. Das sei ja auch gar nicht ihr Zustellbezirk, belehrt man sie. Es kostet Nerven, bis sie einen offiziellen Suchauftrag durchgesetzt hat. Er bleibt ohne Ergebnis. Wahrscheinlich hat es nie ein Einschreiben gegeben, nur einen Stalker, der sich einen Benachrichtigungsschein beschafft und bei ihr vorbeigebracht hat.

Stalking ist ein schwieriges Tatfeld. Ein Gewaltdelikt, aber keine Einzeltat. Ein Prozess, der sich aus vielen juristisch schwer oder gar nicht fassbaren Tätlichkeiten zusammensetzt, intensiviert und dem „mit Vernunft und guten Worten“ nicht beizukommen ist. Die Zahl der Opfer in Deutschland wird auf eine halbe Million geschätzt. Genau weiß das niemand. Erst seit diesem Frühjahr gibt es eine aussagekräftige wissenschaftliche Studie über Stalking in Deutschland, für die ein Team der TU Darmstadt, Abteilung Forensische Psychologie, in drei Jahren 551 Opfer und 98 Täter befragt hat. Sie wurde mitfinanziert vom „Weißen Ring“, der bundesweit größten Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Staatliche Stellen fanden kein Geld dafür. Die Erkenntnisse über den leisen Terror sind erschreckend. In der Hälfte der Fälle ist der Stalker ein Ex-Partner, in fast vierzig Prozent geht die psychische Gewalt über in körperliche Angriffe. „Jedes fünfte Opfer berichtete über schwerere Formen von Gewalt durch Schläge mit der Faust oder durch Angriffe mit Waffen.“

Stalking macht krank: „Nahezu jedes vierte Opfer war krankgeschrieben, die Fehlzeit betrug im Schnitt 61 Tage.“ Das beunruhigendste Ergebnis betrifft die Institution, die zuallererst für den Schutz vor Kriminalität zuständig ist: die Polizei. Mehr als ein Drittel der befragten Opfer gingen zur Polizei, um eine Anzeige aufzugeben. Aber fast 70 Prozent trafen auf den Wachen Beamte, die sie nicht ernst nahmen. „Manche sagten, sie könnten nichts tun, dem Opfer müsse erst ein Messer im Rücken stecken. Andere bagatellisierten das Problem: „Freuen Sie sich doch über Ihren Verehrer.“

In Berlin hat zwar jede Polizeidirektion Opferschutzbeauftragte, die sich auch um Stalking kümmern. Aber eine systematische Erfassung und Bearbeitung dieses Delikts gibt es bisher nur in Bremen, wo alle Stalking-Anzeigen sofort an eine bestimmte Dienststelle weitergeleitet werden müssen und auch die Staatsanwaltschaft ein Spezialdezernat eingerichtet hat. Diese enge Kooperation hellt langsam das Dunkelfeld auf.

Der „Weiße Ring“ betreut ebenfalls Stalking-Opfer. Sabine Hartwig, selbst 20 Jahre Kriminalpolizistin bei einem Mobilen Einsatzkommando (MEK), inzwischen Landesbeauftragte des „Weißen Rings“ in Berlin, rät trotz allem, zur Polizei zu gehen. „Es ist wichtig nachzuweisen, dass man Anzeige erstattet hat. Und wenn die Polizei einem nicht entgegenkommt, dann empfehle ich immer, die Anzeige direkt bei der Staatsanwaltschaft zu erstatten.“ Der „Weiße Ring“ bietet Rechtsberatung, Betreuung, vermittelt Krisenintervention und Therapie, wenn’s ganz hart kommt. Vor allem aber nimmt man hier die Opfer ernst und entwickelt mit ihnen zusammen individuelle Schutzmaßnahmen. „Ganz wichtig ist: Öffentlichkeit herstellen, auch wenn man sich am liebsten verkriechen würde.“ Nachbarn, Kollegen, Freunde sind oft froh, sich solidarisieren zu können, und die Opfer kämen aus der Isolation heraus. „Aufklärung ist der beste Schutz“, weiß auch Tommy Lippold*.

Der 53-Jährige gehört zur Minderheit männlicher Opfer. Zunächst litt er unter der Gewalt seiner alkoholkranken Frau, nach der Trennung von ihr unter Stalking. Nachbarn konnte er nicht einbeziehen, „der Nachbar war selbst alkoholkrank“. Aber seine Kollegen und Chefs helfen ihm, nachdem er gewagt hat, sie aufzuklären. Ermutigt hat ihn eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern. „Ein Mann soll ja immer der Starke sein, und das sitzt tief. Aber jeder Mensch sollte Mut zur Angst haben, ob Mann oder Frau.“

Rosemarie Lippold* hat ihren Mann mit obsessiver Eifersucht gequält. Sie schlug ihn, wenn er vom Dienst nach Hause kam und sie schon betrunken war. Er zeigte sie an. Das machte sie noch aggressiver. Trotzdem konnte er es lange nicht lassen, ihr zu helfen. Sie brach jede Therapie ab. Bis sie ihm eines Tages Spülmittel in den Kaffee goss. Das kann tödlich sein, wenn das Gemisch im Magen aufschäumt und in die Luftröhre gerät.

Als er aus dem Krankenhaus kam, zog er aus. Sie hinterließ ihm eine horrende Telefonrechnung mit 0190er-Nummern, bestellte ihm Beate-Uhse-Pakete ins Haus und schickte ihm einen Anwalt mit Unterhaltsforderungen. Es hörte erst auf, als sie starb. „Sie ist, auf Deutsch gesagt, ersoffen im Alkohol“, sagt er ohne jeden Triumph in der Stimme. Er war sogar bei ihrem letzten Koma bei ihr. „Ich hab’ sie doch geliebt, wir hatten 28 schöne Jahre!“

Tommy Lippold hat vor einem Jahr eine Selbsthilfegruppe für Stalking-Opfer in Berlin gegründet. 40 bis 50 haben sich schon bei ihm gemeldet. Petra Lange hat inzwischen einen Anwalt über den „Weißen Ring“ und die Opferschutzbeauftragte ihrer Polizeidirektion eingeschaltet. Zweieinhalb Jahre terrorisieren Stalker ihre Opfer im Schnitt. Solange dauert es bei ihr noch nicht. Zurzeit ist er ruhig. „Aber man denkt immer: Was macht er als Nächstes?“ Sie ist entschlossen, sich ihr Leben zurückzuerobern. Er wird Fehler machen. Oder seine Vorgesetzten werden ihm auf die Schliche kommen. Vielleicht sind sie ja längst auf der Pirsch, um diesen „Pirschjäger“ zu erlegen?

* Namen und äußere Details wurden von der Redaktion verändert.

Hilfe für Stalking-Opfer: Weißer Ring (Tel. 8337060); Selbsthilfegruppe „Stalkinghilfe“ (Tel. 30832571, 0173-998 6099); Big e.V. (speziell für Frauen Tel. 6110300). Die Opferschutzbeauftragten der Polizei erreicht man unter Tel. 4664-4664

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben