Berlin : Der letzte der Sepharden

Isaak Behar erlebte die Pogromnacht vom 9. November 1938 als Angehöriger der spanisch-türkischen Juden. 150 sephardische Familien wohnten damals in Berlin – heute ist der 81-Jährige der einzige Überlebende

Claudia Keller

Als Isaak Behar 1930 in Berlin in die Schule kam, fiel er auf. Nicht, weil er Jude war, sondern weil er Deutsch mit spanischem Akzent sprach und einen türkischen Pass hatte. Wenn der 81-Jährige heute in Kreuzberg in Schulen geht, fällt er wieder auf. So eine seltsame Geschichte haben die türkischen Schüler noch nie gehört: Einer, der mit ihnen Türkisch spricht, wurde in Berlin von den Nazis als Jude verfolgt?

Die Behars gehörten zur Gruppe der sephardischen Juden, die vor 500 Jahren aus Spanien vertrieben wurden und nach Konstantinopel flohen. 1915 kamen seine Eltern von Istanbul nach Berlin, weil sie gehört hatten, dass hier ein derartiger Luxus herrsche, dass sogar die Bürgersteige gefegt würden, bevor die Menschen zur Arbeit gehen. „Das konnten sie sich in den engen, stinkenden Gassen in Istanbul nicht vorstellen, wo die Abfälle in den Latrinen schwammen“, sagt Isaak Behar und schüttelt den Kopf.

Seine Eltern waren fast Analphabeten, der Vater hatte Teppichflicken gelernt. Mehr schlecht als recht schlugen sie sich in der deutschen Hauptstadt durch, bis der Vater eine Anstellung in einem Teppichladen in der Kantstraße fand. „Da war das Glück perfekt“, erzählt Behar, dunkle Strickjacke, weißes Hemd, Krawatte, und lehnt sich im Sessel zurück. Zu zwei Töchtern der Familie war der lang ersehnte Sohn dazugekommen. Zu Hause sprach man „Ladino“, ein mit arabischen, türkischen und hebräischen Wörtern durchmischtes Spanisch. Deutsch lernten die Behar-Kinder beim Murmelspielen auf der Straße. Wie in jeder orientalischen Familie habe seine Mutter zu Hause das Sagen gehabt – und ihn, den einzigen Sohn, furchtbar verhätschelt.

150 sephardische Familien lebten in Berlin. Als die Nazis 1933 an die Regierung kamen, machten sich die Behars erst mal keine Sorgen. Isaak entzifferte als Zweitklässler auf Transparenten zwar Sätze wie „Die Juden sind unser Unglück“ und wunderte sich ein wenig – „meine Familie und ich hatten doch niemandem etwas getan“ –, aber ernst nahm er das ebenso wenig wie seine Eltern. Schließlich hatten sie einen türkischen Pass, galten als Angehörige eines befreundeten Staates und fühlten sich immun.

Dass er nicht wie seine Freunde in die Hitler-Jugend eintreten durfte, ärgerte den zwölfjährigen Isaak. Als während der Olympischen Spiele zu einem stadtweiten Balkonwettbewerb aufgerufen wurde, versuchte er seine Mutter zu überreden, zwischen die Blumen auf dem Balkon kleine Hakenkreuzfähnchen zu stecken. Und als seine Mutter am Morgen des 10. November 1938 weinte, während der Lichtschein der brennenden Synagoge in der Fasanenstraße in die Wohnung der Behars fiel, dachte er: „Meine dumme Mutter, sie weiß eben nicht Bescheid. Das sind doch nur Steine und Bücher.“

Heute füllen sich seine Augen mit Tränen, wenn er daran denkt, wie sehr er sie unterschätzt hat. Ein halbes Jahr später musste die Familie zum türkischen Konsulat, wo ihre Pässe eingezogen wurden, Man müsse die Staatsbürgerschaft überprüfen, hieß es, dann gab es einen Pass mit dem Vermerk „Staatsangehörigkeit ungeklärt“, was kurze Zeit später durch „staatenlos“ ersetzt wurde – das Todesurteil für eine jüdische Familie in Berlin.

Wenn Isaak Behar heute zur Jüdischen Gemeinde geht, wo er sich lautstark an den Sitzungen des Gemeindeparlaments beteiligt, dann kommt er manchmal an dem Haus Kant-, Ecke Fasanenstraße vorbei. Manchmal brennt Licht im oberen Stockwerk, wo er mit seinen Eltern und seinen Schwestern gewohnt hat. Dann spürt er einen Stich im Herz, und er stellt sich vor, wie es an jenem Abend im Dezember 1942 war, als seine Mutter, sein Vater und seine beiden Schwestern in Mänteln um den Wohnzimmertisch saßen und warteten, dass die Gestapo-Männer sie abtransportierten. Er selbst war zufällig nicht da und entkam der Deportation. Ein Freund seiner Eltern, der vorbeigekommen war, schilderte ihm später die Szene – und dass seine Mutter laut aufgeschluchzt habe.

Isaak Behar tauchte unter. Er war 19 Jahre alt. Er schlief in Kellern und S-Bahnen, wurde mehrmals verhaftet und entkam – und traf immer wieder Berliner, die ihm halfen. Betty zum Beispiel, eine Verkäuferin in Kreuzberg. Sie nahm in auf, pflegte und liebte ihn.

Isaak Behar überlebte den Krieg und blieb in Berlin. „Ich war zu feige und traute mir nicht zu, woanders ein neues Leben aufzubauen.“ Über 40 Jahre hat er geschwiegen, dann drängte seine Geschichte aus ihm heraus. Leicht fällt es ihm nicht. „Aber über all das zu schweigen, ist mindestens genauso schmerzhaft wie darüber zu reden.“ Jetzt erzählt er seine Geschichte in Schulen, bei Polizei und Bundeswehr. Johannes Rau und Klaus Wowereit, die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Juden haben ihn für sein Engagement geehrt. All das schmeichelt ihm, beantwortet aber nicht die Frage, die seit 60 Jahren in ihm bohrt: Warum hat seine Mutter am Abend der Deportation aufgeschluchzt, als sie den Freund der Familie sah? „Hat Mama geweint, weil sie hoffte, dass ich in Sicherheit bin?“, fragt Isaak Behar. Oder hat sie geweint, weil ihr Junge ihr in den schwersten Stunden des Lebens nicht beistehen würde? Isaak Behar wird es nie erfahren. Das Haus Ecke Kantstraße/Fasanenstraße hat er nie mehr betreten. Claudia Keller

Heute spricht Isaak Behar auf einer Schüler-Veranstaltung am Mahnmal Bahnhof Grunewald (17 Uhr). Seine Autobiographie: „Versprich mir, dass du am Leben bleibst“, Ullstein, 20 Euro .

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