Berlin : Der letzte Gast vergewaltigte die Kellnerin

Als das Lokal leer war, raubte ein 26-Jähriger das Wechselgeld und fiel über die Frau her. Die Polizei nahm ihn fest

Tanja Buntrock

Der Täter muss die Klingel gedrückt haben. Der weiße Plastikknopf ist unscheinbar neben der Holztür der Neuköllner Kneipe „Ufer-Laterne“ am Kiehlufer, Ecke Treptower Straße angebracht. Die Klingel soll eigentlich Sicherheit vor ungebetenen Gästen bieten. Doch am vergangenen Sonnabend kam nicht nur das übliche Stammpublikum in die Kneipe, sondern auch ein Mann, der so lange wartete, bis er der Letzte war. Dann soll er die 34-jährige Bedienung zunächst mit einer Schere bedroht und das Wechselgeld aus der Kasse geraubt haben – bevor er die verängstigte Frau vergewaltigte. Als ein weiterer Gast das Lokal betrat, flüchtete er.

Den mutmaßlichen Täter, einen 26-Jährigen türkischer Herkunft, konnte die Kripo nur wenige Tage später festnehmen. Am gestrigen Donnerstagabend wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Um das Opfer zu schützen hält sich die Polizei mit genaueren Angaben sehr zurück. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ gibt es auch keine Informationen darüber, wie der Täter überführt wurde.

Gestern Nachmittag in der „Ufer-Laterne“: Eine 32-jährige Kollegin des Opfers steht hinter dem Tresen. Ihren Namen will sie nicht nennen. Und überhaupt – am Tag der Tat habe sie frei gehabt. Erst später, „auf Schicht“, habe sie von den Stammgästen gehört, was sich am Sonnabend um vier Uhr morgens in der Kneipe abgespielt haben soll. „Der Täter hat vorher noch mit einigen Gästen Skat gespielt.“ Mehr wisse sie auch nicht, sagt sie. Die rund um die Uhr geöffnete Kneipe – ausgestattet mit dunklem Holzfurnier, Häkel-Gardinen, mehreren Glücksspielautomaten und einem Billard-Tisch im Hinterraum – gibt es hier schon seit über 30 Jahren. Die Musicbox spielt alles von Helmut Lotti über Peter Maffay bis Boney M. Auf dieser Höhe des Kiehlufers, Richtung Treptow, sei es zwar nachts etwas einsamer als weiter oben, Richtung Kreuzberg. Aber „passiert ist hier bislang noch nichts“, sagt die Bedienung. „Die Leute, die hierher kommen, sind sehr solide.“

Hier trinkt die Generation 50 plus. Die meisten Gäste kämen wie sie aus der Neuköllner Umgebung, sagt die Frau. Morgens gibt’s für 2,90 Euro ein Frühstücksbüfett inklusive Kaffee und Schrippen mit Wurst, Käse oder Marmelade. Oder eben flüssige Nahrung: ein Bier und einen Klaren. Die Angestellte arbeitet seit sieben Jahren in der Gastronomie, seit einigen Monaten in der „Ufer-Laterne“.

Ob sie jetzt mit Angst hinter dem Tresen steht? „Nee“, sie schüttelt energisch den Kopf. Und selbst, wenn: Den Gästen würde sie es nie zeigen, wenn sie Angst hätte. Wie sie in der Situation ihrer beraubten und vergewaltigten Kollegin reagiert hätte, wisse sie auch nicht. „Aber wenn man einige Jahre in der Kneipe gearbeitet hat, weiß man, wie man sich verhält.“ Sie habe schon so manchen Zwei-Zentner-Mann aus der Kneipe getragen, „zur Not mit Hocker“. Aber klar, passieren könne ja immer mal was. Und das bestimmt nicht nur in Neukölln.

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