Berlin : Der letzte Landarzt

Die Leute rufen „Mein Herzel lacht“, wenn sie ihn sehen. Seit 30 Jahren heilt Klaus Ulrich die Menschen in Goyatz südlich von Berlin. Jetzt will er aufhören. Aber er findet keinen Nachfolger

Kirsten Wenzel

Mehr Wohnzimmer als Klinik, keine Tupfer, viel Papier. Der erste Eindruck. „Nehmen Sie schon Platz", hatte die Sprechstundenhilfe gesagt, „er kommt gleich.“ Der Schreibtisch neben der grauen Liege ist vollgepackt mit Fachzeitschriften: „Kardiologie", „Geburtshilfe", „der Sportmediziner", „Grundlagen der Onkologie". Ob der Landarzt das alles gelesen hat?

Aus dem Fenster sieht man die ruhige Hauptstraße von Goyatz, dem Städtchen am Spreewaldrand, das sich sogar „staatlich anerkannter Erholungsort" nennen darf. Seit 30 Jahren heilt der Doktor die Menschen hier, in der Praxis gleich gegenüber dem Rathaus. Man kann ihn schon hören, die Tür ist nur angelehnt – „…Reha" und „…grüßen Sie Ihren Vater". Und dann steht er da, im weißen Kittel, das Stethoskop vor der Brust, und sagt ein wenig zerstreut: „Ach Sie, stimmt ja.“ Und: „Dann geht es heute wohl mal um meine Sorgen."

Unglücklich sieht Klaus Ulrich eigentlich nicht aus, sonnengebräunt wie er ist, vom Segeln auf dem Schwielochsee. „Sie müssen unbedingt Eier mitnehmen", sagt er, „die werden sonst schlecht.“ Erst heute morgen hat ihm wieder jemand ein Paket auf den Beifahrersitz gelegt. Landarztschicksal. Man kann es übler treffen mit der Berufswahl, oder? „Das habe ich früher auch immer gedacht“, sagt Ulrich.

Früher, das war vor vier Jahren – bevor er begonnen hat, einen Nachfolger für seine Praxis zu suchen. Ulrich ist jetzt 68 Jahre alt. Er möchte noch ein bisschen reisen. Und endlich den Garten in Ordnung bringen. Er hat gesucht und gesucht. Vergeblich. „Das Inserieren hab ich schon aufgegeben", sagt Ulrich und guckt so schwermütig, als spräche er vom Versuch, auf die alten Tage nochmal die große Liebe zu finden. Sogar ein Faltblatt hat er schon entworfen, mit einem Foto von seiner Praxis. „Das könnte Ihre sein! Zentrale Lage, nah am See, nur eine Stunde von Berlin!" Das verschickt er, sobald er von einem jungen Kollegen hört, der sich selbstständig machen will. Aber wer geht schon noch in die Niederlassung? Niederlassung, er weiß ja… Wie das schon klingt. So definitiv, so unflexibel, man kann es drehen, wie man will: so wenig modern.

Mit der Suche nach Nachwuchs ist Ulrich nicht allein. Ein Drittel der brandenburgischen Hausärzte ist älter als 60 Jahre. In manchen Gegenden von Uckermark und Prignitz muss man 20 Kilometer fahren, um überhaupt noch einen Doktor zu finden. Viele Praxen stehen leer, und die, die es noch gibt, sind oft hoffnungslos überfüllt. Die Ursachen kann man in Ulrichs eigener Familie studieren. Der Landarzt von Goyatz hatte eigentlich schon früh begonnen, sich um Nachfolger zu kümmern: Zwei Söhne hat er zum Medizinstudium geschickt. Doch einer ist Zahnarzt geworden, und der andere ging nach Großbritannien. Da verdient man mehr.

Etwa 900 „Scheine", also Patienten braucht man pro Quartal, damit sich eine Praxis trägt, unter 500 geht gar nichts. „So eine Existenzgründung, die scheuen die jungen Leute heute", sagt Ulrich. Nicht jeder gute Arzt sei schließlich auch ein guter Kaufmann. Verständlich Aber seine Praxis in Goyatz… Da sei das Risiko doch nun wirklich überschaubar. Der Laden brummt, um die tausend Patienten kommen pro Quartal. Wäre da nur nicht dieses Ost-West-Gefälle.

Fast 20 Prozent weniger verdient ein Arzt im Osten als im Westen, weil die Versicherten weniger in die Kassen einzahlen können. Für einen nächtlichen Hausbesuch bekam Ulrich in den letzten Quartalen den Gegenwert von 300 „Punkten“ ausgezahlt – umgerechnet 12 Euro 30. Eine Neugeborenenuntersuchung ist genau 8 Euro 30 wert, eine Punktion im Gelenk 9 Euro 84. Für die gleichen Leistungen erhielt ein Kollege in Hamburg bis zu 50 Prozent mehr Honorar, weil dort zwar die gleiche Punktzahl gilt, der Wert der Punkte aber höher ist.

900 Mediziner sind in Berlin zurzeit arbeitslos gemeldet. Als Nachfolger für Hausärzte wie Klaus Ulrich kommen aber nur wenige in Betracht. Den meisten fehlt die fünfjährige Facharztausbildung als Internist oder Allgemeinmediziner, die für eine Niederlassung als Hausarzt nötig ist. Wer weiß schon, wie solide so ein „Wald- und Wiesendoktor" wie Ulrich ausgebildet sein muss: besser als so mancher Kollege im Krankenhaus. Er ist ein Spezialist für das Allgemeine, muss genau wissen, was er kann und wo er besser konsultiert. Vom abgerissenen Finger bis zum Zeckenbiss gibt es nichts, was Ulrich nicht schon behandelt hat. Babys hat er entbunden, Unfallopfer vom Alleebaum gekratzt, und die Marlene, die kleine Tochter des Tischlermeisters, die hat er aus dem Schwielochsee gezogen. Sie lag schon Minuten unbemerkt im Uferwasser, als Ulrich sie fand; heute studiert sie Mathematik. Vier Ulrich-Kinder und elf Enkel sind am Schwielochsee zur Welt gekommen.Mit dem ganzen Dorf sei er verbunden, sagt Ulrich, aber: bis heute mit fast allen per Sie. Der Landarzt, der darf sich nicht gemein machen, so wenig wie der Pfarrer und der Bürgermeister.

Nach dem Mittagessen fährt Klaus Ulrich wie jeden Tag auf Hausbesuche, im Golf Country, einem älteren Modell. Über staubige Feldwege geht es zum Bauerndorf Siegadel, zu Lenni Schulz mit den wehen Hüften. „Man muss", sagt der Landarzt, als der Wagen durch ein mächtiges Schlagloch rumpelt, „die Gegend nehmen, wie sie ist und ein wenig lieb gewinnen." Lenni Schulz schlägt die Hände zusammen, als der Doktor vor der Tür steht, ruft: „Mein Herzel lacht.“ Und Opa Schulz entblößt den Po für die Rheumaspritze. Schon bald dreißig Jahr kenne er den Doktor jetzt, sagt er.

Goyatz ist Provinz. Aber sonst ist alles da. Es gibt einen Fleischer, einen Bäcker, einen Friseur, eine Boutique, ein nobles Landhotel und seit kurzem sogar ein Fitnessstudio. Die Gemeinde hat 1800 Einwohner, und im Sommer kommen bis zu 10 000 Feriengäste. „Was ist ein Erholungsort ohne einen Arzt?“, sagt Bürgermeister Trunschke. Und: „Bei uns ist das so: Die Leute lassen sich operieren, wenn der Ulrich sagt: Mach das. Und sie taufen ihre Kinder, weil es der Herr Doktor tut." „Der, für den es hier passt", sagt der Bürgermeister, „der könnte in Goyatz eine Lebensaufgabe finden. Nicht nur einen Job.“

Aber Ulrich winkt ab. Er weiß, was die meisten seiner jungen Kollegen dazu sagen würden: Lebensaufgabe? Das ist dann doch eine Nummer zu groß.

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