• Der letzte Staatsgast war der erste Der Abend im Schloss Charlottenburg ist gut gelaufen – doch der Protokellchef hat Sorgen

Berlin : Der letzte Staatsgast war der erste Der Abend im Schloss Charlottenburg ist gut gelaufen – doch der Protokellchef hat Sorgen

Lothar Heinke

Das letzte Licht dieses Tages strömt durch die fünf hohen Fenster auf die vier Spiegelwände, die dem ovalen Saal von Schloss Charlottenburg den Namen geben. Wer den Spiegelsaal im oberen Geschoss betritt, hat den schönsten Blick auf das beschauliche, gepflegte Grün rings um die Fontäne draußen im Park. In diesem Saal, unter Preußens Adler, fröhlich schwebenden Putten und blütenüberquellenden Amphoren, saßen und speisten die Herrschaften, für die die Baumeister Nehring, Eosander und Knobelsdorff das Schloss in Barock und Rokoko gebaut hatten.

In unseren Tagen pilgern die Touristen durch die einstige Hohenzollernresidenz, stets unter den gütigen und strengen Augen der Kurfürstin Sophie Charlotte, ihres Gemahls Friedrich I. und all der anderen Damen und Herren aus den Zeiten von Preußens Glanz und Gloria. Nur montags haben sie ihre Ruhe, dann ist auch dieses Museum geschlossen – wenn es nicht jener Bestimmung dient, für die es einst gebaut wurde: der Repräsentation. Vorgestern war, vielleicht, so ein kleines historisches Ereignis, zumindest eine festliche Premiere und ein Abschied zugleich: Weil das Schloss Bellevue umgebaut wird, empfängt der Bundespräsident nun seine Staatsgäste zum Essen im Schloss Charlottenburg. Johannes Rau hatte bis zu diesem Abend 138 ausländische Staatschefs im Bellevue zu Gast – der 139. und letzte in seiner Amtszeit ist der erste, für den das KPM-Goldrandgeschirr mit dem Bundesadler auf die Tische im Spiegel- und im oberen Runden Saal von Schloss Charlottenburg gestellt wird.

Rings um das Denkmal des Großen Kurfürsten präsentieren die Marinesoldaten des Wachbataillons der Bundeswehr ihre Gewehre, die Gäste – Prominenz aus Politik, Kunst und Wissenschaft – flanieren über den roten Teppich ins Schloss, während das Musikkorps preußische Märsche intoniert, irgendwie passt das alles zu dem goldgelben Bau im Schimmer der Abendsonne.

Nicht allzu viele Zuschauer erleben als Zaungäste die Auffahrt mit der Eskorte von 15 Motorrädern der Berliner Polizei: Der Bundespräsident und Christina Rau empfangen die Generalgouverneurin von Neuseeland, Ihre Exzellenz Silvia Cartwright, und ihren Mann, Peter Cartwright, im Schlosshof. Dazu spielt das Musikkorps der Bundeswehr den Fridericus-Rex-Grenadiermarsch. Nach dem Defileé der Gäste, bei Tische, würdigt der Bundespräsident die Schönheit des auch für immer mehr deutsche Touristen attraktiven Landes, das übrigens als erstes der Welt anno 1893 das Frauenwahlrecht eingeführt hatte. Johannes Rau empfiehlt, sich mit dem Reformmodell der Neuseeländer (Arbeitslosenquote: 4,4 Prozent) zu beschäftigen, und die Generalgouverneurin möchte die Deutschen „zu mehr Engagement in unserem Teil der Welt“ ermutigen.

Das präsidiale Protokoll konnte mit dem Verlauf dieser Premiere zufrieden sein, wiewohl hier manche Tücke lauert: Die Kellner müssen Schaumsuppe, Havelzander, Kalbsfilet und Dessert, angerichtet vom Sternekoch Hans Horberth von der „Kofler Company“, durch lange Gänge und über Treppen jonglieren, auf den Tischen dürfen keine Kerzen stehen und Aschenbecher schon gar nicht. Wer sich die Hände waschen möchte, kommt auf seinem endlosen Weg an der Preußischen Ahnengalerie im Parterre vorbei ins Paradeschlafzimmer von Sophie und wird freundlich ermahnt, falls er sein Sektglas auf der Marmorkonsole unter dem Bildnis Friedrichs I. abstellt. Im Unterschied zum Bellevue, das auf solche Empfänge eingerichtet war, ist Schloss Charlottenburg ein öffentliches Museum mit dem Reiz, durch großartige Kunstschätze und durch die Preußische Geschichte zu spazieren. Aber: Eines der neuen Probleme ist, dass es in den Charlottenburger Prachtsälen keine Heizung gibt – wo, fragt Protokollchef Martin Löer, werden wir ohne Mäntel und Mützen sitzen und festlich speisen, wenn im November die Queen kommt?

Johannes Rau sieht das dann aus einiger Entfernung. Am 29. Juni wird er mit einem Großen Zapfenstreich am Schloss Charlottenburg verabschiedet, und dann? „Dann freue ich mich auf die Zeit, in der man selber bestimmt, was man wann tut“, sagt uns der Präsident, der 46 Jahre lang den Pflichten seiner Ämter folgte und der nun endlich auch einmal das tun möchte, wonach ihm und seiner Frau der Sinn steht.

Im Schloss sang ein Männerquartett beziehungsreiche Volkslieder – „Kein schöner Land“, den „Lindenbaum“ und am Ende „Guten Abend, gute Nacht“. Da sangen plötzlich alle leise mit; auch manch einem Abschied wohnt ein stiller Zauber inne.

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