Berlin : Der letzte Wille: Millionen für das Land Berlin

ANNETTE KÖGEL

Gutes bewirken über den Tod hinaus: Ältere Menschen in Berlin benennen in ihrem Testament neben Kindern und Verwandten immer häufiger auch ihre Heimatstadt als Erben. Jedes Jahr fließen auf diese Weise Millionenbeträge in die Landeskasse - im ersten Quartal 1999 kamen mit drei Millionen Mark über drei Viertel der Summe des vergangenen Jahres zusammen. Vielfach ist es der letzte Wille der Wohltäter, Kindern und Jugendlichen sowie Alten, sozial Schwachen, Kranken und Behinderten zu helfen. Unterdessen entdecken immer mehr Vereine und Institutionen Erbschaften als Finanzquelle: Caritasverband, Lebenshilfe und auch Humanistischer Verband beschäftigen sogar sogenannte "Fundraiser", die ältere Menschen nicht nur mit Hilfe von Broschüren beim Verfassen von Testamenten beraten.



590 000 Mark an ein Waisenhaus in Charlottenburg, 207 000 Mark für behinderte Jugendliche in Reinickendorf, 1,4 Millionen Mark für die Jüdische Abteilung des Berlin Museums - die Unterlagen der Finanzverwaltung verzeichnen zahlreiche Erbschaften. Den wohl spektakulärsten Fall gab es 1995, als ein Tiergartener der BVG über die Landeskasse 5,1 Millionen Mark für mehr Sicherheit vermachte. Damit wurden etwa die Notrufsäulen auf allen U-Bahnhöfen finanziert. Im ersten Quartal 1999 vererbten 21 Menschen gezielt rund 3 Millionen Mark, das sind rund drei Viertel des Gesamtbetrages von 1998. Damals vermachten 61 Berliner fast 3,8 Millionen Mark. Erbschaften teilt die Stadt in zwei Kategorien. Erstens: Schon zu Lebzeiten entschließt sich ein "Erblasser", bestimmte kommunale Einrichtungen wie Seniorenheime oder Museen zu bedenken. Manchmal wird im Testament auch nur der Zweck - "bitte helfen Sie mit dem Geld Aids-Kranken" - vermerkt. Der zweite Fall: Hat der Verstorbene keinen letzten Willen hinterlassen und sind keine Erben zu ermitteln, fließt das Vermögen als "Fiskalfall" in die Landeskasse. 1997 kamen bei 835 Todesfällen 12 Millionen Mark zusammen, 1998 fielen bei 1040 Fällen 10,52 Millionen Mark an das Land. "Dieser Bereich ist etwas stärker geworden", bilanziert Frank Podschus, Sachgebietsleiter Erbschaften bei der Finanzverwaltung.

Doch nicht nur die Stadt, auch freie Träger profitieren von Vermächtnissen. Die Lebenshilfe konnte erst durch eine Erbschaft, bei der eine Frau dem Verein ihre Wohnung überschrieb, eine Stiftung ins Leben rufen. Jahrzehntelange Erfahrung mit Förderern, die mit zunehmendem Alter oft auch mehr Geld bereitstellen, besitzt das Evangelische Johannesstift Berlin mit einer eigenen Nachlaßabteilung. Die Mitarbeiter in der Behinderten-, der Jugend- und der Altenhilfe seien - teils anders an die Angehörigen - eben "schon zu Lebzeiten für die Leute da", berichtet Abteilungsleiter Wolfgang Löwer. Diese Menschen seien gern bereit, Vermögen gezielt zu vererben, "bevor das Land Berlin mit dem Geld irgendwelche Löcher stopft". Für das Johannesstift sei das Testaments-Fundraising ein "sehr wichtiger Teil der Arbeit".

Auch Jörg Kluge, einer der Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Tempelhof, bestätigt, das Kirchgänger immer wieder gezielt Geld, aber auch Grundstücke und Häuser zu Finanzierung der Arbeit oder der Erhaltung des Gotteshauses vermachen.

Mit Hilfe von "Fundraising"-Mitarbeitern und Infobroschüren versuchen immer mehr Organisationen und Vereine, ihnen verbundene Menschen zu betreuen. "Ihr Vermächtnis - unsere Verpflichtung": Mit dieser Informationsbroschüre wendet sich der Caritasverband an seine Klientel. "Gutes tun über den Tod hinaus. Ein kleiner Ratgeber für Ihr Testament" heißt das Faltblatt vom Humanistischen Verband Deutschland. Nach Auskunft von Verbandsmitglied Frank Schrammar beginne man gerade mit der Arbeit, Erbschaften seien "das Ergebnis eines langjährigen Kommunikationsprozesses".

Doch "dieser Bereich dehnt sich immer weiter aus", bestätigt auch Christa Christ, als Senioren-Sozialarbeiterin bei der Caritas für die Beschaffung von privaten Drittmitteln zuständig. Die Faltblätter mit erbrechtlichen Informationen und Angaben zum Verband für Caritas-Förderer sollen künftig auch bei Rechtsanwälten und Notaren ausgelegt werden. "Nach einem Monat frage ich bei den älteren Leuten nach, ob ich Sie mal anrufen darf." Wenn jemand seine Telefonnummer nicht herausgibt, hake sie aber nicht weiter nach. Darüber hinaus versuche sie, die eigenen Kollegen vom Erbschafts-Fundraising zu überzeugen.

Denn nicht nur bei ihnen steht diese Art der Finanzbeschaffung mitunter im Ruf, "anrüchig" oder "pietätlos" zu sein. Fundraiser gelten gar als Grabplünderer oder Erbschleicher. "Dabei haben unsere Mitgliedsorganisationen bei den Betroffenen eher positive Erfahrungen gemacht", hält Friedrich Haunert von der Arbeitsstelle Fundraising der Paritätischen Akademie dagegen.

Viele seien "heilfroh", endlich über das Tabuthema Sterben reden zu können. Haunert zufolge sind die Kinder der "Erblasser" oftmals gutsituiert, manchmal sind keine Nachkommen da oder die Familien zerstritten. In solchen Fällen würde gern Teile des Vermögens vermacht. Neue Zielgruppen seien etwa Aids-Kranke.

In Zukunft werden die Erbschaftssummen vorausichtlich steigen: Friedrich Haunert verweist auf die "Erbschaftswelle", nach der die Deutschen jedes Jahr 200 Milliarden Mark an die nächste Generation weitergeben.

Hilfen und Beratung

rund ums Testament

Infobroschüren zu Testament, Schenkung und Vermächtnis haben unter anderem das Evangelische Johannesstift (Telefon 336 09 319), der Caritasverband (49008-130), der Humanistische Verband (61 39 04 0) und die Lebenshilfe (82 999 80) herausgegeben. Die Arbeitsstelle Fundraising berät Mitgliedsorganisationen des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes unentgeltlich und veranstaltet Seminare (28 04 95 106). Weitere Infos bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialmarketing e.V., Bachstraße 10, 63785 Obernburg, Telefon 06022-68 15 63.

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