Berlin : Der letzte Zeuge

Hier wurde mal gebacken: An die Paechbrotfabrik erinnert nur ein Schornstein. Bald sprengen ihn die Bauherren. Dann entsteht ein Einkaufszentrum in Moabit

Christian van Lessen

„Wird er gesprengt oder bleibt er?“, fragt Ingrid Schneider in die Runde. Keiner weiß es. An der Moabiter Stephanstraße steht sie mit Nachbarn am Zeitungskiosk. Nicht weit von der großen, eingezäunten Grube entfernt, die den Stephankiez zerteilt. Hier stand die Paechbrotfabrik, hier soll ein Einkaufszentrum hin. Mittendrin steht der alte Schornstein. Wie ein Leuchtturm im Sandmeer. Sein gelber Backstein wirkt unerschütterlich. Früher haben die Nachbarn von ihm nur die rauchende Spitze gesehen, weil er auf dem Hof der Backfabrik stand.

Es ist zwölf Jahre her, seit die Feuer der Backöfen erloschen sind. Aus Paech- waren längst Wendeln-Brote geworden. Bis vor zwei Jahren stand das Werk noch als Ruine zwischen Stephan- und Birkenstraße. Dann hieß es, ein Investor, die schwäbische Metallwarenfabrik Wanzl, wolle für 70 Millionen Euro ein Einkaufszentrum samt Hotel errichten. Der Abriss begann vor einem Jahr. Übrig blieb, allein auf weiter Flur, der Schornstein. Das Stadtplanungsamt in Mitte, auf das Gelände angesprochen, will sich nicht äußern. Es habe gerade Gespräche mit Anwalt Clemens Lammek gegeben, der das Projekt auf Investorenseite betreut.

„Wir haben den Turm bewusst stehen lassen, um Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt Lammek. Die große Brache komme erst durch den Schornstein zur Geltung. Er solle auch mahnen, „die Entwicklung zügig voranzubringen“. Eine Million Euro habe der Abriss der Fabrik gekostet. Der Turm, der nicht unter Denkmalschutz steht, soll gesprengt werden – während eines Festaktes, Startsignal für das Neue. Das könnte schon in den nächsten Wochen sein. Mit den Bauarbeiten für das Einkaufszentrum will man 2006 beginnen. Die Vertragsverhandlungen zwischen Investoren und künftigen Mietern und Behörden gehen in die Schlussphase.

Lammek sagt, es werde Gewerbe und Handel, vermutlich auch ein Hotel geben. Über die künftigen Mieter will er nichts erzählen. Vor zwei Jahren waren Namen genannt worden: Etap für das Hotel, Kaufland für das Einkaufszentrum. Und von zahlreichen Gutachten war die Rede, um Bezirksamt und Senat davon zu überzeugen, dass der Bau notwendig und kiezverträglich ist. Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung spricht von „klaren Vorgaben aus unserem Haus“. Das Sortiment des Einkaufszentrums sollte begrenzt sein und nicht mit dem Angebot an der Turmstraße konkurrieren.

„Die Leute hier haben nicht viel Geld“, sagt Ingrid Schneider, die seit Jahrzehnten im Stephankiez lebt. Sie zeigt auf den Penny-Markt gegenüber, will damit sagen, dass viel mehr gar nicht nötig ist. Den Geschäften in der nahen Turmstraße gehe es ohnehin nicht besonders gut, die bekämen den Neubau zu spüren. Die älteren Nachbarn erinnern sich, dass hier, wo das Loch klafft, vorm Krieg noch Miethäuser am Straßenrand standen. Mittendrin war die Backfabrik, noch ganz klein. Später wuchs die Firma. Ihre Werbesprüche, von Orje und Kulle und der Paechbrotstulle, waren stadtbekannt. Dass hier gebacken wurde, dafür ist der Schornstein der letzte Zeuge.

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