Berlin : Der Lokführer von Köpenick

Steffen B. klaute eine Uniform und kaperte einen Zug auf dem Ring. Die S-Bahn sagt: Das kann eigentlich gar nicht passieren

Tanja Buntrock,Werner Schmidt

Von Tanja Buntrock

und Werner Schmidt

Er gilt als fanatischer und gefährlicher Bahnfan: Der 19-jährige Steffen B. hat am Sonnabend eine S-Bahn gekapert . Als er festgenommen wurde, schoss er auf die Polizei. Die Beamten feuerten zurück. Zwei Schüsse trafen den 19-Jährigen in den Oberschenkel und die Brust. Er ist nach einer Notoperation außer Lebensgefahr. Erst später stellte sich heraus, dass der Täter mit einer Gaspistole geschossen hatte. Die Verantwortlichen der S-Bahn betonen, die S-Bahn sei weiterhin eines der sichersten Verkehrsmittel. Von „Kidnapping“ könne keine Rede sein – die Irrfahrt von Steffen B. sei eine „dreiste Ausnahme“.

Steffen B. aus Horb im Schwarzwald hat eine lange kriminelle Vergangenheit. In seiner Heimat hat er bereits als 16-Jähriger in Böblingen bei Stuttgart einen Gelenkbus der Bahn AG gestohlen. Er fuhr 40 Kilometer bis Horb und nahm unterwegs sogar Fahrgäste mit. Den Bus ließ er später stehen.

Er brach in Spinde von Bahnmitarbeitern ein, stahl Arbeitskleidung und Schlüssel. Ihm fiel ein Generalschlüssel in die Hände, mit dem er Bahnschranken öffnete, als Züge über die Übergänge rasten, sagte ein Kriminalbeamter aus Horb. In Karlsruhe habe sich Steffen B. in ein Ausbesserungswerk der Bahn geschlichen und als angeblicher Azubi an den Luftdruckbremsen eines Triebwagens hantiert. Im schlimmsten Fall hätten die Bremsen des Wagens versagen können. Passiert ist bei diesen Aktionen nichts.

Steffen B. gab sich gegenüber Bahnmitarbeitern in Baden-Württemberg als Auszubildender der Bahn aus. Da er sich die Kleidung zusammen gestohlen hatte und über Grundkenntnisse verfügte, nahmen ihn Lokführer auch immer wieder mit in den Führerstand. So lernte er, einen Triebwagen zu steuern. Das Wissen setzte er am Sonnabend in Berlin ein, um eine S-Bahn vom Bahnhof Bundesplatz nach Königs Wusterhausen und zurück zu steuern. Nach den bisherigen Ermittlungen war er am Bundesplatz in den Zug der S 42 gestiegen und zum Führerstand gegangen. Die Zugführerin öffnete die Kabinentür: Sie kannte ihn, denn Steffen B. hatte sich auch bei der S-Bahn eingeschlichen und als Mitarbeiter ausgegeben. Deshalb suchte auch schon die Betriebsaufsicht der S-Bahn nach ihm. Eine Mitarbeiterin erkannte ihn zufällig beim Einsteigen am Bundesplatz und alarmierte die Betriebsaufsicht. An der Station Eichwalde war die Irrfahrt der S 42 nach rund zwei Stunden zu Ende. Steffen B. versuchte dann, sich den Weg freizuschießen. Die Polizei in Baden-Würtemberg suchte Steffen B. bereits mit Haftbefehl.

„Fahrgäste waren zu keiner Zeit in Gefahr, da die Triebfahrzeugführerin während der ganzen Fahrzeit mit im Führerstand war“, sagt S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Die Züge der S-Bahn seien davor geschützt, dass Unbefugte sie benutzen. Allerdings prüfe die Geschäftsführung genau und will „nach Vorlage des Ermittlungsergebnisses“ entscheiden, ob die Sicherheitsregeln verändert werden müssen. Bislang sieht die Sicherheit so aus: Der Triebführerstand – die Kabine, in der der Triebfahrzeugführer den Zug steuert – ist nur mit dem Generalschlüssel von außen zu öffnen. Den hat nur der Lokführer. „In Ausnahmesituationen macht der Lokführer die Tür auf, wenn jemand von außen klopft, weil er in Not ist. Das ist sogar seine Pflicht“, sagt Andreas Tannhäuser vom S-Bahn-Betriebsrat. Die Generalschlüssel seien „gesperrte Schlüssel“, die beim Schlüsseldienst nicht nachgemacht werden dürfen. „Auszubildende haben keinen eigenen Schlüssel“, erklärt Tannhäuser. Verliert ein Lokführer seinen Generalschlüssel, muss er das sofort melden. Zudem besitzt jeder Lokführer eine eigene Chipkarte. „Vor Dienstbeginn steckt er die in einen Automaten und druckt sich damit seinen Dienstplan aus. Nur dann weiß er, wann er wo sein muss, um einen Kollegen abzulösen.“

Über die Irrfahrt von Steffen B. sagt Tannhäuser: „Bislang hatten wir nur Verrückte, die sich die Dienstbekleidung besorgt haben und dann beispielsweise Fahrscheine ergaunert oder Leute kontrolliert haben.“ Zwar trug Steffen B. eine Jacke der Deutschen Bahn (DB) und darunter eine S-Bahn-Weste, dies sei aber nicht ungewöhnlich. Erst 1995 bekam die S-Bahn-Berlin eigene Unternehmensbekleidung mit Logo. Zuvor trugen Mitarbeiter der DB-Tochter S-Bahn auch DB-Kleidung. Davon gebe es noch Altbestände, die aufgetragen werden. Doch auch die Dienstbekleidung der S-Bahn, vor allem Jacken und Mützen, würden immer mal wieder im Internet oder auf dem Flohmarkt angeboten. „Die S-Bahn-Mitarbeiter tragen keine Uniformen, sondern Unternehmensbekleidung, die sie für rund 1000 Euro selbst anschaffen“, erklärt Tannhäuser. So landeten alte Jacken auch mal auf dem Flohmarkt. Das wird aber nicht gern gesehen. S-Bahnsprecher Priegnitz:„Wenn wir erfahren, dass unsere Mitarbeiter Dienstbekleidung versteigern, bekommen sie richtig Ärger.“

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