Berlin : Der Luxus der Vampire

Ohrwürmer im Schlaraffenland: Bei der Halloween-Party im KaDeWe können sich die Erwachsenen mal so richtig austoben

Elisabeth Binder

Wenn Geister und Hexen tanzen, verschmähen sogar Vampire das 36 Grad warme, hellrote Menschenblut. In dieser langen Halloween-Nacht knabbern sie mit langen Eckzähnen und lüsternen Augen lieber an frischen Langusten, bewaffnen sich mit Hummer-Scheren, von denen zartrosa Cocktail-Sauce tropft. Umfragen zufolge hat der Halloween-Boom rund um Allerseelen hier zu Lande eigentlich schon seinen Zenit überschritten. Bei der Kultparty, die das KaDeWe seinen Stammkunden nun bereits zum neunten Mal anbot, ist davon nichts zu merken. Mit 2200 Gästen war die Grusical-Sause in der Feinschmecker-Etage ausgebucht. Und die Fans kommen längst nicht mehr nur aus Berlin. „Wir treffen uns jedes Jahr hier“, sagte ein Schotte, der wie etliche seiner Landsleute lieber Kilt statt Kürbis trug.

Dass diese Party, ähnlich wie auch die alljährlich im April im sechsten Gourmet-Himmel zelebrierte „Venezianische Nacht“,so ein sicherer Erfolg ist, liegt am Konzept. Es stößt tief in eine Marktlücke, die viele noch gar nicht erkannt zu haben scheinen: die Party für Erwachsene, bei der man ausgelassen tanzen und sich mit hochkultiviertem Kaloriennachschub über viele Stunden in Topform halten kann.

„In den Clubs muss man ja auch Eintritt zahlen, und da hat man noch nichts zu essen und zu trinken bekommen“, sagt eine Frau, die zum ersten Mal dabei ist und schon findet, dass die 150 Euro Eintritt gut investiert sind. An ihr vorbei schieben sich Herren mit aufgeschminkten blutigen Narben und Tellern, auf denen sich dicke Lachsscheiben neben Garnelen türmen wie selbst erlegte Beute. Schwarz gewandete Gestalten gießen aus XXL-Magnumflaschen im Kürbismantel Veuve Cliquot nach Belieben nach. Champagner bis nach Mitternacht, so viel man gerade mag, dieses Gefühl von unlimitiertem Luxus genießen auch immer mehr Jüngere, für die es eigentlich genug Clubs mit modischen Mixgetränken gibt. Auf die üblichen Prominenten als Staffage verzichten die Veranstalter zugunsten des Preis-Leistungsverhältnisses ganz bewusst. Bei diesem generationenübergreifenden Event amüsieren sich die Gäste auch so. Die Fünfzigplus-Generation tanzt auf der großen Fläche im siebten Stock immer wilder zu Oldies wie „I’m a Believer“ oder „Bad Moon Rising“. Norbert Könnecke, Herr der Feinschmecker-Etage, betrachtet derweil gelassen, wie viele Schokoladentäfelchen ein einzelner Mensch als Post-Dessert zum gelben Lenotre-Kürbis-Mousse noch verdrücken kann.

Auch Ärztekongresse und Juristenvereinigungen buchen die Schlaraffenland-Kulisse gern für geschlossene Gesellschaften ab 500 Teilnehmer. Das einsame Paar, das in der Fleischabteilung eng umschlungen und selig selbstvergessen zur Akkordeonmusik eines furchteinflößend verkleideten Vampirs tanzt, hat vermutlich längst vergessen, dass Halloween ist. Obwohl es im Hintergrund so verdächtig hellrot leuchtet.

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