Berlin : Der Mann, der den Osten versteht

Olaf Kühl berät den Regierenden in Russlandfragen. Außerdem übersetzt er polnische Literatur

Werner van Bebber

Olaf Kühl führt ein Doppelleben – und gewichtet beide Teile angemessen: Vier Tage in der Woche verbringt er damit, die Russlandkontakte des Roten Rathauses zu pflegen. Das ist sein fester Job. Olaf Kühl ist „Russlandreferent“ des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. „Was kyrillisch aussieht, landet bei mir auf dem Schreibtisch“, sagt er. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, dunkles Jackett – so wie man sich einen Russlandreferenten vorstellt.

Den zweiten Teil seines Arbeitslebens widmet Kühl der Literatur. Er übersetzt Texte von polnischen Autoren wie Witold Gombrowicz und Andrzej Stasiuk. Sein Name findet sich auch auf dem Vorblatt von „Schneeweiß und Russenrot“, dem heftig jugendbewegten Roman der 1982 geborenen Polin Dorota Maslowska. Das ist der freischaffende Olaf Kühl. Erst Stasiuk und dann Dorota Maslowska haben ihn ein bisschen bekannter gemacht. Er kommentiert seine Gefragtheit in der Branche leicht ironisch mit Blick auf sein aktuelles Alter von 49 Jahren: „Die jugendliche Sprache – die traut man mir wohl zu.“

Olaf Kühl ist Slawist, er spricht Russisch, Polnisch, Serbokroatisch und Englisch. Und er ist wohl eher ein Mann des geschriebenen Wortes. Eine Neigung, von der die meisten Leute nicht besonders gut leben können. Bei Kühl war es noch schwieriger, denn neben der Neigung zur Literatur hatte er auch Frau und zwei Kinder – er musste Geld verdienen. 1982 bewarb er sich beim Sprachendienst des Senates. Das hieß: Dolmetschen, wenn der Regierende in den Osten reiste oder Besuch von dort bekam. Und es hieß: Reden und Treffen vorbereiten, Sprechzettel schreiben, beraten. Die polnischen Texte, das Interesse – zumal an dem nicht so leicht zugänglichen Witold Gombrowicz einerseits – und andererseits die russischen Delegationen, der temperamentvolle Moskauer Oberbürgermeister Juri Lushkow, das sind für Olaf Kühl „zwei völlig verschiedene Welten“.

Anders gesagt: Er arbeitet mitten in einem Spannungsfeld. Ein paar Mal hat er erlebt, wie sich Spannungen aufbauen und entladen. 1992 hat er Erich Honeckers Festnahme nach dessen Rückführung aus Moskau in einer Aeroflot-Maschine miterlebt. Doch sonst pflegt Olaf Kühl im Hinblick auf russisch sprechende Personen der Gegenwart und Russlandpolitik betreibende Berliner Politiker allerhöchste Diskretion. Die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Moskau werde immer intensiver, sagt er bloß; zumal die russische Seite sehr interessiert sei.

Aber es geht nicht bloß um immer mehr Geschäfts- und Verwaltungsbeziehungen zwischen gleichberechtigten und ähnlich denkenden Partnern. An Russland habe ihn immer das Dunkle, „das Undurchsichtige“ fasziniert, sagt Olaf Kühl. Deshalb habe er osteuropäische Sprachen und Kultur studiert. Die Faszination ist geblieben und trägt für ihn persönlich all das an Beziehungen, was in den Jahren nach dem Mauerfall geschaffen werden musste. Kühl ist dabei alles andere als ein Romantiker. „Ich komme mir manchmal wie jemand vor, der vor Russophilie warnen muss“, sagt er. Die angebliche Nähe zwischen deutschem Wesen und russischer Seele liegt ihm fern. Er bedauert das nicht, im Gegenteil. Wie sich Zwangssysteme anfühlen, hat er einmal selbst erfahren, als es die DDR noch gab. Er sei in Ost-Berlin mit schwarz getauschtem Geld erwischt und gleich „eingelocht“ worden, erzählt Kühl. Das Geld habe er damals getauscht, um Karl Marx’ „Kapital“ zu kaufen.

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