• Der Mann, der die Daimlersitze schrubbte Ungewöhnliche Todesanzeige für einen ungewöhnlichen Menschen

Berlin : Der Mann, der die Daimlersitze schrubbte Ungewöhnliche Todesanzeige für einen ungewöhnlichen Menschen

Christoph Stollowsky

Die Rezeptur für sein Wunderpulver hielt er geheim. Mit gutem Grund. Es war höchst wirksam und brachte ihm ein Vermögen ein. Fred Viktor Seyring löste vier Esslöffel davon in zehn Litern heißem Wasser auf und schrubbte drauflos. Erst alleine oder mit Kumpels, später mit Angestellten. Er reinigte in den 60er und 70er Jahren in West-Berlin nahezu konkurrenzlos die verrauchten, speckigen Stoffhimmel und -sitze gebrauchter Kadetts, Daimler oder Käfer. Und weil das keiner so gut hinbekam wie der schlanke dunkelblonde Putzmann mit seinem Super-Waschpulver, war die Sache für alle großen Autohändler klar. Bevor man einen Gebrauchten anbot, hieß es: „Hol erst mal den Seyring!“

In den 80er Jahren zog er sich dann aus dem Geschäft zurück, residierte in einer 170 Quadratmeter großen Wohnung nahe beim Ku’damm und gab sein Geld als überzeugter Junggeselle und Lebemann mit vollen Händen aus, bis ihm vor zwei Jahren nichts mehr blieb. So wurde Fred V. Seyring noch zum Sozialfall. Er starb am Silvestertag 2003 in einem Einzimmer-Apartment in Steglitz mit 74 Jahren an Kreislauf-Versagen. Doch seine engsten Freunde wollen nun noch einmal die West-Berliner Autobranche bei der Beerdigung am 21. April am Grab auf dem Friedhof Alt-Schöneberg zusammenbringen. Deshalb veröffentlichten sie am Sonnabend eine Todesanzeige, über die sich viele wunderten: „Fred V. Seyring ist tot. Der Erfinder der Auto-Innenreinigung nach dem Krieg in (West)Berlin.“

Weshalb er erst vier Monate nach seinem Tod beigesetzt wird, war selbst engen Freunden gestern ein Rätsel und nicht aufzuklären. Aber vielleicht gehört auch das zu den vielen kleinen Geheimnissen seiner schillernden Persönlichkeit, die sich wohl nur auf der Insel West-Berlin derart entfalten konnte. Der Mann mit dem Putzpulver kannte alle Chefs der Branche, traf sich mit ihnen zu teuren Dinners, kungelte Geschäfte aus, zumal er nebenher selbst mit Wagen handelte – und erschloss sich so neue Geldquellen. Wenn jemand einen Gebrauchten loswerden wollte oder eine Chevrolet Corvette suchte, galt er als heißer Tipp: „Frag den Fred, der kennt Adressen.“

Also konnte sich der Fred selbst 300er Daimler und Jaguars leisten, mit denen er den Ku’damm auf und ab fuhr, ein zartes arrogantes Lächeln auf den Lippen, wie sich Bekannte erinnern. Vielleicht dachte er dann an seine armseligen Anfänge als Papierkaufmann in den frühen 50er Jahren nach dem Kriegs-Abitur – bevor er das Putzpulver erfand. Und noch im Alter lud er zu Feiern ins Herrenzimmer seiner Fünf-Zimmer-Wohnung ein.

Doch 2002 war das Konto leer. Fred V. Seyring ging zum Sozialamt. Er wurde plötzlich alt und gebrechlich. Zu Silvester wollten ihm Freunde ein paar Pfannkuchen bringen. Sie fanden ihn tot im Bett. Die Rezeptur für sein Putzpulver hat er mitgenommen.

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