Berlin : Der Mann, der Pavarotti erschießt

280 Tenöre hat er schon auf dem Gewissen – heute tut es Heinz Strasiewsky in „Tosca“ wieder

Björn Seeling

So ein Mann wie Heinz Strasiewsky ist einem sofort sympathisch: sportliche Erscheinung, gewinnendes Lachen, fesselnder Erzähler. Dabei hütet der 1934 geborene Charlottenburger ein düsteres Geheimnis. Er hat 280 Tenöre auf dem Gewissen. Am heutigen Sonnabend geht er wieder einem an den Kragen: Luciano Pavarotti. Und das zum wiederholten Mal. Denn vor rund 15 Jahren hat Pavarotti schon einmal den Mario Cavaradossi gesungen, der in Puccinis „Tosca“ am Ende vom Leben zum Tode befördert werden muss. Seit 1972 ist das Heinz Strasiewskys Aufgabe. Als Statist befehligt er das Erschießungskommando und lässt es krachen: Säbel runter – peng! – Mario tot. Die Tenöre kommen und gehen, aber Strasiewsky bleibt.

Seit 1969 läuft „Tosca“ in der Inszenierung Boleslaw Barlogs schon an der Deutschen Oper – und Strasiewsky war bei fast jeder Aufführung dabei. Die ersten drei Jahre trug er den Baldachin, dann folgte schon die Beförderung zum Kommandanten, weil ein Darsteller aufhörte. „So etwas ist eine kleine Auszeichnung“, sagt er. „Es hat etwas mit Zuverlässigkeit zu tun.“ Und von der muss er eine Menge besitzen, denn auch in anderen Stücken darf er befehligen, etwa in „Carmen“.

Über 300 Mal hat der Charlottenburger diesen mörderischen Job in „Tosca“ schon versehen. „Es ist immer wieder aufregend“, sagt er. Heute bleibt kein Platz frei, denn schon seit Monaten ist das Pavarotti-Gastspiel ausverkauft. Seine Frau Helga wird allerdings nicht dabei sein. „Ich habe die Aufführung schon fünf oder sechs Mal gesehen.“ Meistens sah sie mit Freunden oder Verwandten zu, wie ihr Heinz zum Handlanger des Bösen wurde. „Das Kostüm war übrigens immer das gleiche, nur die Hose wurde mit den Jahren etwas weiter“, fügt der Ehemann lachend hinzu, der auch Tochter und Sohn für das Statistendasein begeistern konnte.

An seinen ersten Auftritt kann sich Strasiewsky noch genau erinnern: Das war 1956 bei „Don Carlos“ an der Städtischen Oper Berlin, der Vorgängerin der Deutschen Oper. Ein Freund hatte den damaligen Kunststudenten mitgenommen. „Ich bin dann zwei Mal über die Bühne gegangen.“ Erkennen konnte ihn dabei niemand. Eine Haube verdeckte sein – geschminktes – Gesicht. Immerhin hat’s gereicht, in dem jungen Man die Liebe zur Oper zu wecken. In „Don Carlos“ war es denn auch, dass Strasiewsky den ersten Tenor meuchelte. „Ich hab den Fischer-Dieskau umgelegt“, sagt er amüsiert. Mit ihm und vielen anderen Opernstars stand er dann auch in der Deutschen Oper auf der Bühne, die 1961 eröffnet wurde.

Aber der Schuss kann für einen Statisten auch nach hinten losgehen. In Verdis „Luisa Miller“ ist es Strasiewsky, der aus dem Weg geräumt wird. Und das gleich zur Ouvertüre. „Ich stürze, mein Hut rollt weg, und ich hauche dem Sohn des Mörders noch ,Es war dein Vater!‘ins Ohr.“ Die Gage ist übrigens dieselbe – ob Auftritt gleich zu Anfang oder erst zum Finale. Etwa 18 Euro gibt’s, plus Zulagen für etwas größere Rollen. „Aber ums Geld geht’s mir nicht“, sagt Strasiewsky, der von 1963 bis 1998 hauptberuflich als Lehrer am „Oberstufenzentrum Farbtechnik und Raumgestaltung“ arbeitete. „Mit großer Freude“, wie der Hobbymaler hinzufügt.

Und was sind die schönsten Augenblicke im Leben eines Statisten? „Wenn einen die Musik ergreift“, antwortet Strasiewsky und fügt verschmitzt hinzu: „Und wenn man ein bisschen vorne steht.“ Das dürfte ja heute bei „Tosca“ nicht allzu schwierig sein.

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