Berlin : Der Mann des Kanzlers

Vom Bürgerschreck zum SPD-Generalsekretär: Klaus Uwe Benneter hat einen langen Marsch durch die Sozialdemokratie hinter sich – mit Gerhard Schröder immer an seiner Seite

Brigitte Grunert

Wenn er Gerhard sagt, wird seine Stimme weich und seine Augen bekommen diesen gewissen Glanz, als würde eine Mutter von ihrem vergötterten einzigen Sohn erzählen. Geerd sagt er. Geerd ist der Kanzler. Klaus Uwe Benneter, der Mann mit der randlosen Brille, kann auch anders. Er kann hart sein, ja rebellisch, aber nicht bei Gerhard Schröder. Und wenn der Kanzler mit Benneter spricht, dann sagt er breit lächelnd „Benni“.

Angeblich war es der künftige Parteichef Franz Müntefering, der sich Benneter als SPD-Generalsekretär ausgesucht hat. Angeblich war es auch ganz allein der Fraktionschef Franz Müntefering, der Benneter als Frischling im Bundestag gleich zum Vorsitzenden des „Lügenausschuss“ gemacht hatte. Aber wer Benneter kennt, der weiß, dass er für den Kanzler alles tut.

Man kann den Zeitpunkt ziemlich genau bestimmen, zu dem sich der ewige Rebell zum handzahmen Genossen wandelte. Das war, als Schröder Kanzlerkandidat wurde. Auf einmal war der Benni nicht mehr Benni Bürgerschreck, sondern ein sinnenfreudiger Pragmatiker. Das Geheimnis dieses Wandels ist eine Männerfreundschaft, die weit in die siebziger Jahre zurückreicht. 1977 hatten Helmut Schmidt und Herbert Wehner den Juso-Bundesvorsitzenden Benneter eigenhändig aus der Partei geworfen. Die Linksabweichler mit der Leninschen Stamokap-Theorie, die die SED als Gegner und die CDU als Feinde bezeichneten, wenngleich sie nichts mit der DDR am Hut hatten, wurden geköpft. Mit Hilfe Schröders war Benneter 1974 Juso-Chef geworden. Heidemarie Wieczorek-Zeul (die „rote Heidi“) weigerte sich, ihrem Nachfolger zu gratulieren. Schröder wurde Benneters Nachfolger. Aber er muss seinen über den Rausschmiss tief in der Seele verwundeten Freund Benni so wunderbar getröstet haben, dass es sich noch für den Kanzler Schröder auszahlt.

In Berlin hat Benneter nach seiner Wiederaufnahme in die Partei tüchtig gegen den Strich gebürstet. Der Mann aus Steinstücken, der den DDR-Grenzern schon mal eine Flasche Bier zuwarf, war der Schrecken des rechten Flügels. Er wurde Stadtrat in Zehlendorf. Er war seit 1990 zehn Jahre nacheinander Landeskassierer und stellvertretender Landesvorsitzender der SPD. Da war er die Stimme der Linken, die verbissen gegen die große Koalition ankämpfte. Nur CDU-Matador Klaus Landowsky, Zehlendorfer wie Benneter, meinte manchmal, mit dem könne man doch gelegentlich ein gemütliches Bier zischen. Aber es gab enervierende Parteitage in den ersten zehn Jahren nach der Wende, auf denen Benneter vormachte, wie man mit den Flügeln schlug. „Das reicht noch nicht“, pflegte er zu sagen, wenn Emissäre der Rechten mit Kompromissvorschlägen zu ihm kamen. Er schickte sie zurück und amüsierte sich, dass er sie „ganz schön ins Schwitzen“ brachte. So ging es öfter ein paar Mal hin und her, bis ein abstimmungsreifes Papier zustande kam. Humor hat er auch gezeigt, der schlitzohrige, eloquente Benni. Als Landeskassierer tröstete er den Parteitag über die Kassenlage mit dem schönen Satz: „Das negative Reinvermögen hat sich nicht vergrößert.“ Alles durfte herzlich lachen.

Das war Benni Bürgerschreck, vorbei. Eines Tages fiel auf, dass der Genosse Rechtsanwalt auch bei Parteitreffen nur noch wie ein Herr herumlief, wie aus dem Ei gepellt. Gerhard Schröder hieß nun der Hoffnungsträger. Und auch in Berlin sahen die Genossen von Ferne das Morgenlicht. Sie wollten raus aus der großen Koalition. Klaus Uwe Benneter, Walter Momper, Peter Strieder, Klaus Wowereit redeten über Strategien. Zunächst merkte es keiner, und es sollte auch keiner merken, schon gar nicht die CDU. Unauffällig zog sich Benneter aus dem Zirkel der harten Linken zurück, er gab dafür sogar seinen Posten als Parteivize auf.

Es war im Frühsommer 2000, als es Peter Strieder mit der ewig maulenden, ja querulatorischen Partei besonders schwer hatte, die Wiederwahl zum Landeschef zu schaffen. Sieben Wochen tobte der Kleinkrieg. Da fügte es sich, dass die SPD-Fraktion zwei Tage vor dem Parteitag ein Fest gab und zur Schummerstunde Gerhard Schröder als Überraschungsgast auftauchte. Die ganze Zeit war Benneter mit dem Handy am Ohr herumgelaufen und hatte geheimnisvolle Zeichen gegeben. „Geerd“ sagte den Genossen lachend, wo es lang zu gehen habe und Strieders Wahl war geritzt, na ja, mit Ach und Krach. Fortan führte Benni den Berliner Genossen öfter den Kanzler zu. Es sickerte auch durch, wann und wo sich Schröder und Benneter trafen, rein privat, versteht sich.

Die Bankenaffäre, grell beleuchtet von der CDU-Parteispendenaffäre, machte es möglich, dass 2001 auch die Berliner Genossen am Ziel ihrer Wünsche waren. Benneter zog ins Abgeordnetenhaus ein und übernahm den Untersuchungsausschuss in Sachen Bankgesellschaft. Es war sein Sprungbrett in den Bundestag, wo ihm gleich der „Lügenausschuss“ anvertraut wurde. Geschickt hat er den Vorsitz in beiden Ausschüssen geführt. Er geriet nicht mehr in die Schusslinie.

Er ist mit seinen bald 57 Jahren gewiss kein Rechter geworden, aber er ist für den Reformkurs oder doch für Schröder. Und weil er ein harter Mann mit weichem Kern ist, soll er die Genossenschaft bei Laune halten.

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