Berlin : Der Mann für Stilfragen Chancen für Berlin

Center-Manager Sönke Nieswandt weiß, was ein Shopping-Center braucht, um Kunden anzulocken: die besondere Prägung

Moritz Honert

Das erste deutsche Shopping-Center wurde 1964 in Sulzbach im Taunus gebaut. Die Idee selbst stammt aus dem Mittelalter, davon ist Sönke Nieswandt überzeugt. „Das Prinzip ist ganz einfach: Viele verschiedene Anbieter tummeln sich an einem Ort.“ Die neuzeitliche Variante allerdings ist auf den modernen, gehetzten Menschen zugeschnitten: Wetter unabhängiges Einkaufen, abgestimmte Öffnungszeiten. Berlin bietet davon eine Menge.

Mit Einkaufszentren kennt sich Nieswandt aus. Der 36-Jährige, der so aussieht, als würde er sein längst abgeschlossenes BWL-Studium, Schwerpunkt Immobilienmanagement, gerade erst beginnen, führt das Ende März eröffnete Schloss-Straßen-Center (SCC) am Walther-Schreiber-Platz in Schöneberg. Ein jungenhafter Typ, aber Profi im Job. Teure Uhr, Markenbrille, gut geschnittener Anzug – nichts für Bafög-Empfänger.

Das SSC ist nicht sein erster Einsatz als Mall-Manager. Bevor er im Auftrag der Allianz Centermanagement GmbH, einer Tochter der Allianz-Versicherungen, die in Deutschland insgesamt 18 Häuser betreut, nach Berlin kam, leitete er schon Shopping-Center in Köln, Essen, München, Münster und Hamburg.

In seinem Büro, vor dessen Tür noch ein paar Kartons vom Umzug stehen, spricht er über seinen neuen Einsatzort. „Die Situation in Berlin unterscheidet sich völlig von der anderer Städte.“ Nirgendwo in Deutschland sei der Wettbewerb so groß wie hier. Berlin biete mehr als 50 Center. In seinem Kiez Schloßstraße gibt es schon jetzt drei große Häuser. 2009/2010 soll auf dem Grundstück des alten Wertheim-Geländes ein viertes entstehen. „Ich frage mich, ob für ein weiteres Zentrum überhaupt Bedarf besteht“, sagt Nieswandt. „Welche Geschäfte sollten da noch einziehen, die es nicht schon in den drei bestehenden Häusern gibt?“ Der Konzentration kann er aber auch Gutes abgewinnen. „In der Schloßstraße ist die Standortattraktivität gewachsen.“ Im Berliner Südwesten hofft man nicht nur auf ortsansässige Kunden, sondern auch auf Touristen. Nieswandt glaubt, das könnte klappen.

An Berlin musste sich der Mann aus Hameln erst einmal gewöhnen, das gibt er zu. „Am Anfang dachte ich, die Stadt sei nur groß und unübersichtlich.“ Inzwischen hat er sich eingelebt. Frau und Tochter wohnen aber vorerst weiter in der Nähe von Hamburg. „Das ist schon okay“, sagt er. „Mit der Bahn ist man ja in nicht mal zwei Stunden dort.“

Viel Zeit hätte er in seinem neuen Job für die Familie ohnehin nicht. 12 bis 14 Stunden arbeitet er an einem gewöhnlichen Tag. „Der Kontakt mit den Geschäftsführern, Öffentlichkeitsarbeit und natürlich das Objektmanagement selbst verschlingen viel Zeit.“ Job ist Job. Nieswandt wirkt nicht wie einer, der solche Belastungen nicht packen würde. Da ist er ganz Kaufmann. „Der direkte Wettbewerb zwingt die Betreiber der großen Häuser heute zu großen Anstrengungen“, formuliert er ganz gewinnorientiert. Erfolg bedeute, einen eigenen Stil zu finden und zu prägen. Für sein Center kann er den mit einem Vergleich erklären. „Die klaren Linien und die transparente Architektur des SCC sind eine klare Abgrenzung zum Disney- und Las-Vegas-Stil des Einkaufszentrums ,Das Schloss‘ am südlichen Ende der Straße.“ Dort, bei der Steglitzer Konkurrenz, gibt es regelmäßig Mottoshows, Bäume auf den Gängen, Videoprojektionen von Fischen an der Decke. „Durchaus ein neues Konzept in Deutschland“, konstatiert Nieswandt, „denn die klassische Mall ist ja eigentlich ein funktionaler Zweckbau“.

Im Falle des SCC ein Zweckbau, bei dem nichts dem Zufall überlassen wird. Das erklärt Sönke Nieswandt direkt am Arbeitsplatz mit Blick auf die unteren Etagen der SCC-Welt. „Unser Haus ist nach dem klassischen Knochenprinzip organisiert. An den Kopfseiten jeder Etage sind die großen Geschäfte, also die Magneten, angesiedelt, die besonders viele Kunden anziehen – beispielsweise ein Supermarkt oder ein Elektronikfachhandel.“ Dazwischen sitzen die Einzelhändler, die von der Laufkundschaft zwischen den Knochenenden profitieren sollen. Auch die Schloßstraße selbst imitiert diesen Aufbau. „Wir und unser Nachbar, das Forum-Steglitz, sind das nördliche Tor der Einkaufsmeile, ,Das Schloss‘ ist das südliche.“ Auf diese Weise profitierten alle, glaubt Nieswandt. Der Wettbewerb und das übergroße Angebots in der Stadt sei ein Grund, dass Berlins als einziger Standort in Deutschland das Potenzial berge, zur internationalen Shopping-Metropole zu werden. Klasse und Masse eben. Berlin, die Stadt der Kaufhäuser. Auf diesen Titel, findet er, hat die Stadt beste Chancen. „Der Fall der Ladenöffnungszeiten war eine gute Entscheidung. Und wenn erst einmal Schluss mit dem Kiezflughafen-Denken um Tegel und Tempelhof ist und der Flughafen Berlin-Brandenburg International seinen Betrieb aufnimmt, dann geht es hier richtig los“, sagt Sönke Nieswandt.

Mit „hier“ meint er die City. Und natürlich die Schloßstraße.

Die Serie finden Sie auch im Internet: www.tagesspiegel.de/chancen

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