Berlin : Der Markusplatz: Idyllisch und mit Spatzen

Henning Kraudzun

Wer auf dem Markusplatz Tauben erwartet, die zahlreiche Touristen umschmeicheln, dazu den Gestank aus benachbarten Kanälen - wird enttäuscht. Zumindest in Berlin. Dort, mitten in Steglitz, geht es gemächlich, gutbürgerlich und vor allem ruhig zu. Anstelle der stolzen venezianischen Tauben verlieren sich nur ein paar Spatzen auf dem tadellosen Grün der Parkanlage. Kein aufgeregtes Gurren, dafür kräht aus dem Schulvorgarten ein Hahn.

Und wer auf dem Markusplatz steht, sieht auch nicht jenes Architekturpanorama an der Piazza San Marco, sondern Berliner Wohnbebauung um die Jahrhundertwende. Immerhin: zwischen unscheinbare Hausfronten mischen sich ansehnliche neobarocke Eingänge und Jugendstil-Fassaden. Der Steglitzer Markusplatz übt andere Reize aus als der in Venedig: es sind die Vorzüge einer kleinen, überschaubaren Welt. "Das ist hier reine Idylle", sagt eine Lehrerin aus der gegenüberliegenden Markusschule, die gerade auf dem Platz entspannt. "Für die Kinder ist das optimal: der Markusplatz liegt nicht weit vom Stadtpark entfernt und dient auch selber als Ruhepol. Auch zu den Geschäften am Steglitzer Damm ist es nah." Tatsächlich verdient der Markusplatz derartiges Lob: zahlreiche Rosenbeete umsäumen den steinernen Springbrunnen auf dem nördlichen Teil der Grünanlage. Parkbänke und Laternen, nach historischen Vorbildern gestaltet, komplettieren das Bild. Alles im Zeitgeist der Gartenarchitektur um 1900. Auf der anderen Ecke des Platzes bietet ein großer Spielplatz ausreichend Abwechslung für Kinder. Die toben begeistert über eine Holzbrücke.

In der Schule am Markusplatz wird noch gewerkelt. Seit über einem Jahr dauert deren Restaurierung schon an. Der 1910 als "Gemeindedorfschule" eröffnete Bau steht seit fünf Jahren auf der Denkmalliste. Erst dann, so schien es, flossen die lang ersehnten Gelder für eine Grundsanierung. "Über zwanzig Jahre haben wir regelmäßig die Restaurierung beantragt - letztes Jahr war es dann endlich so weit.", sagt Olaf Garche, Schulleiter der Johann-Thienemann-Oberschule. Seine Einrichtung teilt sich mit der Markus-Grundschule das Gebäude. Beim Wiederherstellen der alten Fassade sparte man nicht: "Alles wurde mit großem Aufwand betrieben. Für den Naturputz mussten die Bauleute lange nach dem passenden Sand suchen.", sagt Garche. Jedoch reichten die finanziellen Mittel nur für die Außensanierung. Die Klassenräume renovierten die Schüler an Projekttagen selber. Mittlerweile sieht die Schule wieder schmuck aus - ein architektonisches Kleinod in Steglitz.

Bei der friedlichen und ruhigen Atmosphäre am Markusplatz würde man kaum vermuten, was in den letzten Tagen des Dritten Reiches hier passierte. Garche kennt ein Stück jener dunklen Vergangenheit: "Auf dem Schulhof haben die Nazis bis zuletzt noch Exekutionen durchgeführt", erzählt er. Im Schulgebäude hatte sich damals die NSDAP- Ortsgruppe eingerichtet. Man weiß von einer Vernichtungsaktion, bei der in wenigen Stunden elf Menschen hingerichtet wurden. Ihre Opfer verscharrten die Nazis nur oberflächlich auf dem Schulhof. Der Arzt Walter Seitz, Augenzeuge der Verbrechen, veranlasste, dass die Leichen im Juni 1945 wieder ausgegraben wurden. Auf dem Steglitzer Friedhof fanden sie ihre letzte Ruhe. Allein ein Schild vor der Markus- Grundschule erinnert an jene Greuel. Dort steht geschrieben: "Ihr Tod muss uns Verpflichtung sein."

Die Markuskirche, deren hoher Turm die Häuser am Platz überragt, vervollständigt die idyllische Atmosphäre im Kiez. Erst die Kirche, die während der Neubebauung des Karrees 1912 eingeweiht und nach dem Evangelisten Markus benannt wurde, verlieh dem damaligen "Platz Ypsilon" seine heutige Bezeichnung. Auch für die Gemeinde war die NS-Zeit eine schwierige. Damals tobten hier die Auseinandersetzungen zwischen bekennenden und deutschen Christen. Die Mehrheit der Steglitzer Pfarrer waren bekennende Christen, die sich von Hitler distanzierten. Im Gemeinderat überwogen die gefolgstreuen deutschen Christen. Bodo Gotthard, heute einer der Ältesten in der Gemeinde, erinnert sich an die Zeit: "Die Anhänger beider Richtungen kämpften gegeneinander. So war Pfarrer Grossmann der erste in Preußen festgenommene Prediger", erzählt er. "Ihn haben sie wenige Monate nach dem Machtantritt Hitlers direkt aus der Markuskirche weggeschleppt." Erst nach dem Krieg konnten sich die Christen der Gemeinde wieder versöhnen. So haben sie zusammen gefeiert, als ihre im Krieg zerstörte Kirche 1957 wieder eingeweiht wurde.

Heute scheint das Kapitel der Nazizeit am Markusplatz vergessen zu sein. Das letzte Mal wurde es vor sieben Jahren aufgeschlagen, als man wegen der Rekonstruktion des Platzes nach Kriegsmunition suchte. Über fünfzig Sturmgewehre und einige Handgranaten sammelten die Spürtrupps ein. Danach räumten Auszubildende des Naturschutz- und Grünflächenamtes Kriegsschutt weg, planierten Wege, gestalteten den Spielplatz neu. Dann sollte der Platz sein altes Aussehen wiedererlangen. "Aber für die historische Parklandschaft existierten im Bezirksamt keine Vorlagen", erzählt Baustadtrat Norbert Kopp (CDU). Die Anwohner indes halfen mit alten Fotos und Postkarten aus. "Dann konnte der schönste Teil der Umgestaltung beginnen, der gelungene Abschluss in einem Sanierungsprogramm von 15 Stadtplätzen", sagt Kopp. "Und sie kostete durch die Eigenleistung nur 400 000 Mark." Heute fühle sich dort jeder wohl. So wie zwei ältere Damen, die auf der Parkbank die letzte Sommersonne genießen. Aber von gurrenden Tauben wollen sie nichts wissen: "Venedig? Ach was. Das ist hier Steglitz, Berlin. Zum Markusplatz muss man nicht weit reisen."

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