Berlin : Der Mauer-Bauer

Konzertveranstalter Christof Blaesius aus Köln will Berlin wieder teilen

Björn Seeling

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten – der Kölner Veranstaltungsmacher Christof Blaesius schon. In drei Jahren will er Berlin von Nord nach Süd teilen. Auf 46 Kilometern Länge soll dann eine Wand stehen – sogar viel länger als von Ulbricht, Honecker und Co. einst erdacht. Allerdings wären die wohl neidisch über die rationelle Bauweise gewesen: Die neuen Mauer entsteht im Steckbaukasten-System. Keine Begeisterung hätte bei den kommunistischen Betonköpfen das Material geerntet: Die neue Mauer besteht aus feuerfestem Kunststoff.

An dieser Stelle ist spätestens klar: Christof Blaesius geht es um Symbolik. Denn im Sommer 2006 ist der 45. Jahrestag des Mauerbaus. Und weil zur selben Zeit auch noch die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland läuft, möchte er die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Berlin lenken und eine temporäre Mauer bauen. Also doch nur ein PR-Gag? „Nein, das Ganze soll Mahnmal, Kunstwerk und Mega-Event sein“, sagt Blaesius. Gemeinsam mit Partnern veranstaltete er im Juli das Festival „Kölle goes Berlin“ am Kulturforum.

„Ich liebe Berlin. Es ist traurig zu sehen, wie viel Depression es hier gibt“, sagt Blaesius. Das Mauerspektakel sieht er als Stimmungsaufheller – schließlich blicke dann die ganze Welt wieder auf die Stadt: „Berlin hat mehr Aufmerksamkeit verdient.“ Und, na klar, das Vorhaben soll auch gegen die Mauer in den Köpfen wirken.

Maria Nooke vom Dokumentationszentrum Berliner Mauer findet Blaesius’ Idee – abgesehen von der Realisierbarkeit – nicht schlecht: „Es ist wichtig, das Thema Teilung im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten.“ Kunst sei ein adäquates Mittel dafür. Ob andere das auch so sehen? Das offizielle Berlin hält sich zurück: „Die Mauer ist kein Objekt, mit dem man sich ein künstlerisches Späßchen erlaubt“, sagt Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Blaesius hat einkalkuliert, dass seine Mauer auf Ablehnung stößt. Gegner des Projekts lädt er dazu, sich mit seinen Ideen vertraut zu machen. Zu denen gehört, dass internationale Künstler die Gestaltung der Mauer übernehmen. „Die Elemente eignen sich als Fläche für Graffiti und Videoperformances.“ Ferner möchte er Roger Waters von Pink Floyd dafür gewinnen, „The Wall“ neu in Szene zu setzten.

Zwei Probleme hat Blaesius allerdings. Erstens: die Kosten. 25 Millionen Euro sind veranschlagt, die durch Sponsoren, TV-Rechte, sowie Verkauf von Mauerschnickschnack hereinkommen sollen. Zweitens: die Behörden. Alle unter einen Hut zu bekommen, ist „eine Horrorvorstellung“, sagt Blaesius. Wie leicht hatte es da Walter Ulbricht.

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