Berlin : Der Mauerbau: Betonständer für Wäscheleinen wurden umfunktioniert

Ingo Bach

"Endlich", wird Walter Ulbricht gedacht haben, "endlich hat er Ja gesagt". Anfang August 1961 in Moskau: Der SED-Chef bekommt das ersehnte Okay von Nikita Chruschtschow. "Jahrelang hatte sich der sowjetische Staatschef dem Drängen Ulbrichts widersetzt, die Grenzübergänge nach West-Berlin dicht machen zu dürfen", sagt der Historiker Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. Eigentlich wollte Chruschtschow in der DDR - dem entwickeltsten Land des Ostblocks - einen attraktiven Sozialismus aufbauen. "Und ein Schaufenster mit Stacheldraht sieht nicht gut aus." Doch angesichts des Flüchtlingsstromes im Sommer 1961 packte ihn die Angst, die DDR könnte zusammenbrechen. Und so sagte er schließlich Ja zum Stacheldraht.

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Die Mauer in Bildern Was danach in der DDR anläuft, ist der organisatorische Schlusspunkt einer jahrelangen Planung. Nur ein paar Tage sind nötig, um das Lebensband zwischen beiden Teilen Berlins zu zerschneiden. Dieses Band ist nur noch ein fadenscheiniger Fetzen - faktisch existieren schon zwei Städte. Seit 1952 arbeitete die DDR-Regierung auf eine Entflechtung der Infrastruktur hin. "Das Gasnetz, die Strom- und die Wasserversorgung sowie das Straßensystem Ost-Berlins wurden vom Westen abgekoppelt", sagt Hertle. Und auch West-Berlin bastelte sich angesichts der politischen Spannungen eine autarke Versorgungslandschaft.

"Kampf gegen die Ultras"

Am 7. August 1961, zwei Tage nach Ulbrichts Rückkehr aus Moskau, debattieren die mächtigsten Männer der DDR im SED-Politbüro. Thema: "Maßnahmen" im "Kampf gegen den Menschenhandel der Bonner Ultras" - so die offizielle Sprachregelung in der DDR. Um 14.35 Uhr steht der Beschluss: für Freitag, den 11. August, wird die Volkskammer einberufen. Das DDR-Parlament soll dem Ministerrat, de jure die Regierung Ostdeutschlands, alle Vollmachten erteilen.

Walter Ulbricht betraut einen damals im Westen relativ unbekannten Funktionär mit der Leitung der Aktion: Erich Honecker. Der 49-jährige Sekretär im Nationalen Verteidigungsrat richtet sein Hauptquartier im Polizeipräsidium am Alexanderplatz ein. "Dort stand ich in ständiger Verbindung mit den Kommandeuren und Stäben der bewaffneten Kräfte, den Bezirksleitungen der SED Berlin, Frankfurt an der Oder und Potsdam, den zentralen Staatsorganen, dem Berliner Magistrat und den Räten der Bezirke Frankfurt an der Oder und Potsdam", schreibt Honecker 20 Jahre später in seinen Memoiren.

Gleichzeitig laufen in der DDR die logistischen Vorbereitungen an. Die Abteilung Sicherheitsfragen im SED-Zentralkomitee meldet an Ulbricht, dass man 473 Tonnen Stacheldraht und 47 900 Betonsäulen benötige. Ahnungslose Kraftfahrer karren gigantische Materialmengen nach Ost-Berlin. Geheim, auf Umwegen. Trotzdem fehlen noch 303 Tonnen Stacheldraht und 2100 Betonsäulen. "Wenige Tage nach dem Mauerbau tauchten erste Gerüchte auf, der Stacheldraht komme aus der Bundesrepublik", sagt Hertle, "doch laut Statistischem Bundesamt lieferte die westdeutsche Stahlindustrie das letzte Mal 1956." Der Draht kam wohl aus der Tschechoslowakei oder Rumänien. Und die Pfähle? Die Mauerbauer behelfen sich mit Betonständern für Wäscheleinen.

12. August 1961, ein Samstag. Honecker setzt die Befehlskette in Gang. "Gefechtsalarm!" Paramilitärs der Betriebskampfgruppen tauschen ihre Arbeitskleidung gegen tarnfarbene Uniformen. Grenzpolizisten gehen in den Kasernen in Stellung. Insgesamt 17 000 Mann stehen bereit, dazu kommen 8000 NVA-Soldaten, die in zweiter Linie ihre Posten beziehen sollen. Um 20 Uhr werden die Kommandeure eingewiesen: X-Zeit ist der 13. August, 0.00 Uhr. Der Schusswaffengebrauch ist ausdrücklich verboten.

Danach läuft alles glatt. Stunde X plus 90 Minuten: Schließung der Übergänge. Von 83 Grenzübergangsstellen bleiben 13 für West-Berliner, die Alliierten und Diplomaten geöffnet. Die S-Bahn-Verbindungen werden gekappt, alle Züge auf DDR-Gebiet zurückgezogen. X plus 3 Stunden: Volkspolizisten sperren den Verkehr nach Ost-Berlin. Danach stemmen Betriebskampfgruppen die Straßen auf, pflanzen Betonpfähle in den Boden, "verdrahten" die Grenze.

Die Treuen mit den Presslufthämmern

In vorderster Linie stehen 6000 Betriebskämpfer mit Maschinengewehr und Presslufthämmern. "Das waren die treuesten Genossen", sagt Hertle. An propagandistischen Schwerpunkten bieten sie den "West-Berliner Militaristen" die Stirn. Am Brandenburger Tor tummeln sich Kampfgruppen des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland", des DDR-Außenministeriums und der Defa. Da waren keine Zwischenfälle zu erwarten.

Anders bei den 11 000 Grenz- und Volkspolizisten. Sie waren für das Regime ein Problem. "Die Desertationsquote in den Monaten nach der Grenzschließung war sehr hoch", sagt Hertle. Die Mauer ist in diesen Tagen noch löcherig und bietet Kennern Fluchtmöglichkeiten. Die SED ahnt das Problem und tauscht fast die gesamte Mannschaft aus gegen Polizisten aus Sachsen.

Eine so große Aktion, die über Tage vorbereitet wird, kann nicht unbemerkt bleiben. Trotzdem sind die westlichen Geheimdienste vom 13. August überrascht. Warum? "Militärische Übungen waren damals keine Seltenheit", sagt Hertle, "und die Materialbewegungen wurden geschickt verschleiert." Der Historiker vermutet, dass die westlichen Geheimdienste in den obersten Etagen der DDR-Führung keine Spitzenquelle besaßen. "Bis zum 7. August wussten vielleicht 20 bis 25 Menschen aus dem SED-Führungszirkel über die Pläne Bescheid." Nach den Vorbereitungstreffen im Politbüro, bei der Stasi und in einigen Ministerien war es ab dem 10. August noch immer ein überschaubarer Kreis von 50 bis 100 Personen.

Die meisten sind nur Befehlsempfänger. Sie wundern sich nicht über den Tag X, ausgerechnet ein Sonntag. "Sonntage sind beliebt bei Diktatoren", sagt Hertle. Es war ein Sonntag, als Hitler Polen überfiel, die Japaner über Pearl Harbor herfielen oder der Koreakrieg begann.

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