Berlin : Der Mauerbau: "Da rüber irgendwie"

Amory Burchard

Die Mauer ist 40 Jahre nach ihrem Bau und zwölf Jahre nach ihrem Fall nur ein Schatten ihrer selbst. Wo vereinzelt noch Segmente stehen, wie in der Niederkirchner Straße, haben die Mauerspechte sie ganz dünn gepickt. Die Markierung, die seit 1998 quer durch die Stadt verlegt wird, ist schemenhaft: Auf vier Straßenkilometern zwischen der Provinzstraße in Wedding und Kiefholzstraße in Neukölln zeigt ein doppelreihiger Kopfsteinpflaster-Streifen im Asphalt, auf Gehwegen und Parkbuchten, wo die "Vorderlandmauer" zum Westteil der Stadt verlief. Eine unauffällige und streckenweise inkonsequente Lösung.

Zum Thema Fototour: 40 Jahre Mauerbau Auf Fußwegen und Fußgängerüberwegen sind gusseiserne Platten mit der Aufschrift "Berliner Mauer 1961-1989" in den Pflasterstreifen eingelassen. Bislang 15 Infotafeln gibt es an früheren Grenzübergängen oder Schauplätzen von geglückten oder misslungenen Fluchtversuchen. "Geschichtsmeile Mauerstreifen" nennt sich das Projekt. Bislang ist allerdings nur ein Zehntel des ehemaligen Grenzverlaufes zwischen West-Berlin und der Hauptstadt der DDR markiert - und viel mehr soll es auch nicht werden. Von den gut 40 Berliner Grenzkilometern werden sechs mit den Pflastersteinreihen versehen, sagt Karin Nottmeyer von der Bauverwaltung. Die übrigen Kilometer verlaufen entlang von Flüssen oder Kanälen, an Friedhofsmauern oder durch Brachflächen, wo eine Markierung baulich nicht möglich sei. Damit aber bleibt die Mauermarkierung Stückwerk. Ohne genaue Karten ist sie kaum nachzuvollziehen.

Ortstermin in der Bernauer Straße, Ecke Gartenstraße. Die Frau aus der Nachbarschaft steht auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag an der Bushaltestelle, den Pflasterstreifen quer über die Straße vor Augen. Neulich sagte sie zu ihrer 14-jährigen Tochter: "Guck mal Miri, hier war die Mauer." Die antwortete: "Weiß ich doch." In welcher Richtung die Mauer an dieser Ecke weiterging, glaubt auch die Mutter zu wissen. Der Pflasterstreifen reicht nur bis zu einem Zaun entlang des S-Bahngeländes am Nordbahnhof. "Na, da rüber irgendwie", zeigt sie in Richtung Osten. Stimmt nicht. Die Mauer führte im spitzen Winkel entlang der Gartenstraße nach Nordwesten. Eine Markierung gibt es hier nicht, weil die Grenzanlagen hinter einer hohen Backsteineinfriedung verborgen waren. So verliert sich die Spur der Mauer an vielen Stellen in der Innenstadt.

In der Bauverwaltung hat sich der Bauleiter der Mauermarkierung, Dietrich Kindt, Gedanken über die uneinsehbaren Strecken gemacht. Er schlägt Richtungspfeile und Hinweise auf den nächsten Pflasterstreifen vor. Ob es dafür allerdings Mittel gibt, ist zweifelhaft. Schon die Arbeiten an den letzten zwei Kilometern Pflasterung hatten von Ende 2000 bis vor wenigen Wochen aus Geldmangel ruhen müssen. Ein Meter Steinpflaster kostet immerhin 200 Mark, eine gusseiserne Tafel 1000 Mark. Und die gläsernen Infotafeln, von denen noch zehn fehlen, kosten pro Stück 10 000 Mark. Bezahlt wird die Markierung aus dem immer kleiner werdenden Topf für "Kunst im Stadtraum". Für eine wegweisende Broschüre zur Geschichtsmeile sei überhaupt kein Geld da, klagt Karin Nottmeyer.

Am alten Wachturm in der Kieler Straße in Mitte sagt Hagen Koch, die Stadt könne sich alle Maßnahmen nach der bisherigen Konzeption sparen. Die Markierung sei historisch fragwürdig. "Die Wessis", so Koch, "zeigen mit dem Pflasterstreifen, wie weit sie gehen konnten." Für die Ost-Berliner sei diese Linie unerreichbar gewesen. Koch kartographierte die frisch gebaute Mauer im August 1961 als Volksarmist und koordinierte ihre Demontage 1990 als Beauftragter der Regierung de Maizière. Heute will er "aus Ostsicht" über die Mauer informieren - am liebsten in einem Dokumentationszentrum in dem erhaltenen Wachturm in der Kieler Straße. "Die Frage soll nicht sein, wo die Mauer war, sondern wie sie war."

Unterdessen geht die Markierung der Mauer weiter - laut Beschluss des Abgeordnetenhauses von Dezember 1997. Gerade haben Bauleiter Kindt und seine Männer Pflastersteine in der Weddinger Provinzstraße verlegt. Jetzt geht es quer über die Bornholmer Straße, die Wollankstraße bis zum Wilhelmsruher Damm in Reinickendorf. Rund 750 Meter haben sie noch vor sich. Bis Mitte nächsten Jahres sollen die aus Sicht der Bauverwaltung letzten Lücken geschlossen werden, unter anderem an der Ebertstraße in Mitte, zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz.

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