Berlin : Der Mauerbau: "In der Brunnenstraße ist noch immer Totentanz"

Lothar Heinke

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Woran können sich zum Beispiel Geschäftsleute in der Brunnenstraße im Zusammenhang mit dem Mauerbau erinnern? Der Grenze zwischen Ost- und Westsektor, zwischen Mitte und Wedding folgend, hatten die Volksarmisten und Kampfgruppenkämpfer vom Arbeiter- und Mauernstaat das betonierte Ungetüm genau vor den Eingang zum U-Bahnhof Bernauer Straße gestellt - eine Markierung im Pflaster zeigt das heute, weil jeder, der die Gegend nicht kennt, Mühe hat, sich den quer über die Straße gezogenen Wall vorzustellen. Doch vor 61 war das ganz anders. Jeder, der Lust dazu hatte, ging "schwarz über die grüne Grenze": Da standen ein paar Ost-Polizisten und guckten den Passanten hin und wieder in die Taschen, oder achteten unten in der U-Bahn - das war damals die Linie D - auf Reisende, die, Richtung Westen unterwegs, verdächtig viel Gepäck bei sich hatten. Wem die Absicht, die DDR zu verlassen, nachgewiesen worden war, wurde hart bestraft. Aber all die vielen, die "nach drüben", in den anderen Teil ihrer Stadt gingen oder fuhren, um mal schnell im Grenzkino den neuesten Film zu gucken, ein paar Zigaretten und Zeitungen zu kaufen oder in einer Wechselstube Ost- gegen West-Mark zu tauschen (5:1!), kamen vielleicht mit etwas Herzklopfen, aber eigentlich unbehelligt zurück.

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Die Mauer in Bildern Das Erinnern ist schwer. Wir finden kaum Geschäftsleute, die uns Geschichten von damals erzählen könnten. Auf der Weddinger Seite sagt der Chef vom Hobby-Laden, dass er genau 14 Tage alt war, als die Mauer gebaut wurde. Hier sei alles "wie evakuiert" die letzte Zeit, neue Geschäfte, neue Besitzer. Bis auf Herrn Wunderlich, den "Friseur für die ganze Familie". Der hatte vor einiger Zeit sein 50-jähriges Geschäftsjubiläum. Und ein kleines Berliner Schicksal: "Im Westen, in Kreuzberg, geboren, in Mitte (Ost) groß geworden, dann in den Westen gegangen". Das Friseurgeschäft ernährte seinen Mann, und rückblickend sagt der Meister, dessen Frau heute das Geschäft führt: "Zu Zeiten der Mauer ging es uns wirtschaftlich besser als heute - aber menschlich nicht".

Grafik: Veranstaltungen zum 13. August Jetzt wechseln wir von der West- in die Ost-Brunnenstraße. Und siehe: Im Parterre vom ersten Haus links, Ecke Schönholzer Straße, im Bäckerei-Café mit dem beziehungsvollen Namen "Grenzenlos", lacht uns endlich das Glück wie eine frisch gebackene Mohnschnecke zu einer Tasse Kaffee. Meister Machleidt, der auch heute seit 14 Stunden auf den Beinen ist, weil er um ein Uhr nachts aufsteht und seit Zwei in der Backstube seines Ladens in der Wolliner Straße 20 Sorten Brötchen, elf Sorten Brot und 70 Sorten Kuchen und Torten produziert - Bernd Machleidt, bald 61, wohnte in der "Wolliner" im Schatten der Mauer, und er kann sich noch deutlich an die Zeit des Kalten Krieges vor dem Mauerbau erinnern, als im Osten der Brunnenstraße eine große Leinwand gespannt war, auf der "denen da drüben" amerikanische Untaten im Korea-Krieg gezeigt wurden, während der Westen lautstark mit flotter Musik antwortete. Überhaupt: "Berlin war eigentlich seit dem Kriegsende 1945 bis zur Einheit 1990 nie eine normale Stadt, sondern irgendwie immer Leben im Zustand des Unnormalen gewesen", sagt der Bäckermeister, und er beklagt, dass die heutige Politik zu wenig tut, um die Anomalie all der Jahre sichtbar zu machen, um ein dunkles Kapitel jüngster Stadtgeschichte für das Gedächtnis wach zu halten. "Was viele gar nicht mehr wissen: Die östliche Seite der Bernauer Straße da drüben hatte voll intakte Häuser, die nach dem Mauerbau nach und nach abgerissen wurden. Auch noch zwölf Jahre nach dem Mauerfall gähnt dort im einstigen Todesstreifen unbegreiflich eine Leere. Nichts wird zur Belebung dieser Gegend getan, keine Neubauten, nichts. Wie lange soll das eigentlich so bleiben? Sicher möchte niemand "Mauer-Festspiele" oder ein Mauer-Disneyland, "aber dass der lächerliche Mauer-Gedenkort mit seinen verrosteten, vollkommen unauthentischen Stahlplatten alles sein soll, um die Brutalität der Mauer-Jahre zu vermitteln" - das findet Bernd Machleidt schon ziemlich ärgerlich. "In acht Minuten bin ich in den Hackeschen Höfen, wo das Leben tobt, hier aber ist Totentanz."

Gott sei Dank nicht im "Grenzenlos", das 1990 in den Räumen eines Klubs der Nationalen Front entstand. Ein Original-Stück Mauer im Café und ein Grenzschild erinnern an die schlimmen Zeiten. Jetzt macht "Grenzenlos" seinem Namen alle Ehre: Täglich ab sechs Uhr früh treffen sich hier Kunden aus Wedding und Mitte gleichermaßen, und die Mauer ist nurmehr das Bruchstück einer verlorenen Zeit.

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