Berlin : Der Mauerbau: Rosa Luxemburg gründete die KPD im Todesstreifen

Lothar Heinke

Das übliche Bild. Die Leute in den Touristenbussen gucken ernst, wir hören nicht, was ihnen die Frau mit dem Mikrofon vorn neben dem Fahrer gerade erzählt, aber man kann es sich denken: Dies sind Reste der Mauer, 200 Meter lang, mit einem schützenden Zaun umgeben, damit sie nicht noch weiter zusammenfällt ...

Ein Taxi biegt von der Wilhelm- in die Niederkirchnerstraße ein, hält und entlässt eine mexikanische Familie. Der Taximann postiert seine vier Fahrgäste auf Sightseeing-Tour an die abgebrochene, scharfe Kante des zerbröselnden Bauwerks, drückt auf den Auslöser. Der Mexikaner sagt "schrecklich", und schon sitzt er wieder im Taxi. Andere haben sich "the Wall" viel höher vorgestellt, irgendwie bedrohlicher, und ein Paar aus der Schweiz steigt nur ganz kurz von den Rädern - Prag, der Spreewald und die Sächsische Schweiz waren zwar nicht so historisch, aber irgendwie unvergleichbar schöner, die beiden kommen aus Budapest geradelt und haben 1100 Kilometer in den Beinen: "Wo steht hier das nächste schöne Hotel mit Bad?"

Zum Thema Fototour: 40 Jahre Mauerbau Die Mauer ist hier ein lang gestrecktes, unwirkliches Gebilde, zusammengehalten von braun verrosteten Stahlstangen, die als offen liegende Adern den Beton durchziehen. Hier und da hat das Eisen den Stein schon gesprengt. Wer lange genug auf die Löcher starrt, meint, plötzlich das Tack-Tack der Mauerspechte zu hören - wie damals, im 89er Dezember, als der nunmehr ungeschützte "Schutzwall" zu jedermanns Selbstbedienung und schließlich zum allgemein bejubelten Verschwinden freigegeben worden war. Nun durfte auch von der Ostseite aus lustvoll gesprayt werden: "Alles Gute zur Konfirmation, Grüße an Manni, Peti, Omi und Sammy" schreibt einer am 27. 5. 90 an die Mauer, die ein anderer den "negativen Horizont" nennt.

Es mag Orte geben, an denen es schrecklicher zugegangen ist all die Jahre, als die Mauer bestand. Aber kein Areal war solch Zeuge deutscher Geschichte wie das Gebiet rechts und links der kurzen Niederkirchnerstraße, der Grenze zwischen den Bezirken Mitte und Kreuzberg. Oben, am Gemäuer des Finanzministeriums, steht, klein und bescheiden, eine Botschaft: "Wenn wir auch sterben sollen, so wissen wir: Die Saat geht auf. Wenn Köpfe rollen, dann zwingt doch der Geist den Staat". Das sind Worte von Harro Schulze-Boysen (2. 9. 1909 - 12. 12. 1942), Oberleutnant in Görings Luftfahrtministerium, der als Mitglied der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" in Plötzensee hingerichtet wurde. In einer Ritze zwischen den Dielen des Fußbodens seiner Zelle fand man im Sommer 1945 ein Gedicht. Diese Zelle befand sich im Gefängnis der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8, also genau neben dem heutigen Mauerrest. Die "Topographie des Terrors" zeigt uns, was Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt an dieser Stelle planten. "Ich bin zutiefst betroffen", schreibt eine Besucherin ins Gästebuch, und ein Holländer findet, es sei "tapfer, wie die Deutschen hier ihre Geschichte zeigen".

Man geht ein paar Treppen hoch, hat eben noch die Kellermauern des Imperiums der Himmlerschen Schutzstaffel berührt, steht wieder an der Mauer, dieser zu Stein geronnenen Lüge vom "Antifaschistischen Schutzwall" - da tönt uns schon die nächste Lüge entgegen. Diesmal aus einem Lautsprecher an einer zum 40. Mauer-Jubiläum installierten famosen "Hörstelle": "Ääh, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" - Originalton Walter Ulbricht vom 15. Juni 61.

Von hier sind es nur ein paar Schritte zum ehemaligen Preußischen Landtag, unserem Abgeordnetenhaus. Ich frage den Polizisten, der hier in der Bannmeile Dienst tut, was die Touristen am häufigsten wissen wollen. "Wo Osten und Westen ist", sagt er, "kann man ja wirklich nicht mehr unterscheiden". Also - der Landtag, vor über hundert Jahren im Stil italienischer Adelspaläste gebaut, ist (oder besser: war) im Osten. Göring brüstete sich 1935 damit, "aus dem Haus der Schwätzer ein Haus der Flieger" zu machen, bis alles in Scherben fiel. In der DDR wurde der Neo-Renaissance-Bau ganz profan das "Haus 2" im großen Komplex vom "Haus der Ministerien". Es gab allerlei Pläne: Alles wurde aus Sicherheitsgründen verworfen - das Haus stand zu nah an der "Staatsgrenze zu West-Berlin". Deshalb auch wurde auf den Ausbau des einstigen Festsaals zu einem Vorzeige-Museum verzichtet: Hier hatten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD gegründet. Die DDR, sonst schnell bei der Sache, wenn es um Gedenkorte für Säulenheilige ging, ließ diesen historischen Ort verkommen und den ausgebrannten Plenarsaal, in dem zeitweise Schießübungen veranstaltet wurden, vergammeln - wer im Festsaal hinter den sechs Säulen aus dem Fenster guckte, der sah zwischen sich und dem Gropius-Bau einen Steinwurf drüben die Mauer in doppelter Ausfertigung, dazwischen einen betonierten "Postenweg" und einen Sandstreifen, fein geharkt. Auf dem Dach installierte die Stasi eine Abhöreinrichtung für den Funkverkehr in West-Berlin. Von der Leipziger Straße aus sah man das Gebäude nicht - es war da, aber es war auch nicht da. Es hatte das Bewusstsein der Öffentlichkeit verlassen.

Die Wende holte es zurück. Drei Wochen nach der Vereinigung im Jahre 1990 beschloss das Abgeordnetenhaus, sein Domizil in diesem Gebäude zu nehmen. Am 17. Juni 1991 begann der Umbau, 21 Monate später war das Werk vollendet. Bewundert wird es bis heute, besonders der Plenarsaal, in dem für das große ganze Berlin entschieden wird. Und draußen, unter dem Lautsprecher der "Hörstelle", kann, wer auf ein Knöpfchen drückt, lauschen, was August Everding am 28. April 1993 zur Weihe des Hauses sagte: "Dieser Platz hier zeigt, wozu Historienbetrachtung nötig ist: Er demonstriert, was Geschichte anrichten kann und nie mehr anrichten darf, was Geschichte ausrichten und auch wieder einrichten kann."

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