Berlin : Der Mauerbau: Sprecher der Verwundeten

Brigitte Grunert

Zwei Diktaturen haben Wunden gerissen, die nicht vernarben. Heinz Gerull weiß, was Haft war unter Hitler und Stalin, was Freiheitskampf war gegen den Kommunismus. Er hat deshalb die Entspannungspolitik nicht akzeptiert, und er akzeptiert die PDS nicht. "Mein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl zieht sich durch mein ganzes Leben", sagt der 80-jährige Vorsitzende des Kurt-Schumacher-Kreises ehemaliger politischer Häftlinge. Morgen, am 13. August, redet er bei der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des Mauerbaus im Rathaus, neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

Heinz Gerull saß schon als Schüler "wegen staatsfeindlicher Umtriebe" sechs Wochen in Gestapo-Haft. Er führte eine illegale Pfadfindergruppe: "Ich will nicht übertreiben, das war keine Widerstandsgruppe." Nach "harten Verhören" samt "reichlich Schlägen" ließen ihn die Nazi-Schergen frei. Er durfte das Abitur machen und musste in den Krieg.

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Die Mauer in Bildern Nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1949 wurde Heinz Gerull Reporter beim West-Berliner "Telegraf". Mitherausgeberin dieser Zeitung war Annedore Leber, die Witwe des hingerichteten Widerstandskämpfers. Auch im Kalten Krieg lebte man gefährlich, sowjetische Verhaftungen und Entführungen aus West-Berlin kamen öfter vor. Gerull wurde "Zonen-Reporter". Da war sein 20-jähriger Bruder Jürgen schon in DDR-Haft. Weil er laut Ost-Berliner Gerichtsurteil "den Frieden des deutschen Volkes gefährdet" hat, musste er zweieinhalb Jahren in Waldheim absitzen. Bruder Jürgen war stellvertretender Berliner Vorsitzender der SPD-nahen Jugendorganisation "Die Falken", und die hatten die "Ostausgabe" des Telegraf in Ost-Haushalten verteilt.

Bruder Heinz wurde 1950 auf offener Straße als angeblicher Spion für die Amerikaner verhaftet, "gekidnappt", sagt er, von den Russen: "Ich wusste gar nicht, wie man Spionage buchstabiert." Wieder schlimme Verhöre, fürchterliche Schläge und eines Tages ohne Prozess das sowjetische Urteil in Potsdam: 25 Jahre Workuta, das Übliche. Nach sechs Jahren Zwangsarbeit im Steinkohlebergbau im russischen Polarkreis kam er frei.

Doch nun geriet er in Moabit in Untersuchungshaft. Jemand behauptete, er habe als Leiter einer Widerstandsgruppe in Workuta einen Lager-Spitzel "um die Ecke bringen lassen". Das Verfahren wurde eingestellt. Gerull wurde Senatsangestellter, auch nicht selten für Opfer des Stalinismus.

Dann kam der Mauerbau, und die ersten Flüchtlinge fielen den Schüssen der NVA-Soldaten zum Opfer. Der Osten beschallte kräftig den Westen über die Mauer mit Agitation. Kanzler Konrad Adenauer wurde von der Ost-Seite am Reichstag mit einem Schlager verspottet: "Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf!" Nun drehte auch der Westen seine Lautsprecher auf. "Aber wie!" sagt Gerull. "Wir waren technisch besser." Dazu richtete der Senat unter Willy Brandt das mobile "Studio am Stacheldraht" ein. Heinz Gerull gehörte als Leiter zu denen, die den Mauerwächtern im Todesstreifen zuriefen: Schießt nicht auf Deutsche! Und: "Wir haben lauten Swing rübergepustet." Also gegenseitige Beschallung.

Später war Gerull SPD-Bezirksverordneter in Steglitz. Aber wegen der "Geheimverhandlungen mit der SED", er meint die Entspannungspolitik, verließ er grollend seine Partei wie viele aus dem Kurt-Schumacher-Kreis, "der doch eine Gründung von Willy Brandt war". Nach der Wende wurde er selbst vom sowjetischen Militärstaatsanwalt rehabilitiert. In Moskau erfuhr er aus den Akten, wer ihn als Ami-Spion denunziert hatte - ein anderer Verhafteter, der es von einem "Telegraf"-Redakteur gewusst haben will, "und dieser war Doppelagent für die Briten und Russen", sagt Gerull. Er sagt auch: "Ich hoffe, die SPD bleibt nach der Wahl von der PDS verschont."

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