Berlin : Der Mauerbau: Unheimliche Ruhe

Brigitte Grunert

Der BND-Bericht vom 11. August 1961, 12 Uhr, verhieß ein ruhiges Wochenende: "Besondere Vorkommnisse sind nicht zu erwarten." An diesem Freitag begann die heiße Phase des Bundestagswahlkampfes. Bundeskanzler Konrad Adenauer warnte in Kiel vor einer Dramatisierung der Lage, nichts Alarmierendes. In Nürnberg redete der Regierende Bürgermeister und SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt am Sonnabend ganz anders. Die Massenflucht aus dem Osten habe mit der Angst zu tun, "dass die Maschen des Eisernen Vorhangs zementiert werden", dass die Leute "in einem gigantischen Gefängnis eingeschlossen" werden.

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Die Mauer in Bildern "Wir haben lange überlegt, was er sagen soll", erinnert sich der Brandt-Vertraute Egon Bahr, damals Senatssprecher: "Tut er so, als sei nichts, lügt er. Sagt er, kommt, so lange es noch geht, provoziert er den Osten. Wir haben uns für Warnung ohne Provokation entschieden, eine Frage der Formulierungskunst." Den denkwürdigen Geheimdienst-Bericht fand Bahr erst auf seinem Schreibtisch, als das Mauer-Elend da war.

In Berlin roch es brenzlig, jeden Tag mehr. Der Satz: "Die haben was vor, die machen dicht", war in aller Munde. In Scharen kamen die Flüchtlinge, 30 400 allein im Juli, nochmals 17 000 bis zum 13. August. Das Notaufnahmelager Marienfelde war überfüllt. Der Lottobeirat spendierte 100 000 Mark für "Kulturbeutel mit Körperpflegemitteln", eine Geste. "Wir hatten Befürchtungen, gewusst haben wir im Rathaus Schöneberg nichts, und wenn wer in den Hauptstädten der Westalliierten was wusste, war es gut getarnt. Da war ja ungeheure Ruhe", sagt Egon Bahr.

Ratlose Hektik

Bürgermeister Franz Amrehn (CDU) sagte vorsichtshalber seine Wahlkampfreise ab, er blieb in Berlin. Und Kurt Neubauer baute vor. Er war seit 1952 Berliner Bundestagsabgeordneter, wohnte aber - man kann es sich gar nicht mehr vorstellen - bis zum 13. August 1961 im Osten, am Friedrichshain. Bevor er mit Brandt und Bahr in den Wahlkampf zog, brachte er Frau und Kind in die Sommerfrische bei Freunden in einer West-Berliner Laubenkolonie unter.

In der Nacht zum 13. August wurde Brandt im SPD-Wahlkampfzug, Bahr im Hotel in Nürnberg telefonisch mit der Hiobsbotschaft von der Verriegelung des Ostsektors geweckt, von Senatskanzleichef Dietrich Spangenberg. Sie nahmen die Frühmaschinen nach Berlin. Es war gespenstisch: im Rathaus Schöneberg ratlose Hektik, in den Hauptstädten der Westmächte beklemmende Stille, "keinerlei Alarmbereitschaft" (Bahr). Der Regierende Bürgermeister besah sich die Bescherung an der Sektorengrenze. Er eilte zur Alliierten Kommandantur in Dahlem und bat, "wenigstens ein paar Jeeps an die Grenze zu schicken". Doch "die zögerten, sie hätten keine Weisung". Berlin fühlte sich verraten und verkauft.

Es vergingen 24 Stunden bis zum ersten lauen Protest der drei Stadtkommandanten bei den Russen in Karlshorst gegen den Bruch des Viermächte-Status samt Verletzung der Freizügigkeit in ganz Berlin. Es vergingen 48 Stunden, bis auf Botschafter-Ebene und 72 Stunden, bis auf Regierungsebene in Moskau Protest eingelegt wurde. Ohnmacht, Wut, Erbitterung, Trauer - das war die Stimmung der Politiker und Bürger.

Eine Sondersitzung des SPD/CDU-Senats jagte die nächste, eine Beratung mit den Stadtkommandanten über "konkrete Reaktionen" die andere. Das erste Ventil war eine Protestkundgebung am 16. August vor dem Schöneberger Rathaus. Mehr als 250 000 West-Berliner waren auf den Beinen. Brandt sagte das, was er an diesem Tag auch an Präsident Kennedy schrieb: Papierne Proteste reichen nicht, "Berlin erwartet politische Aktion." Es ging zunächst um die psychologische Stabilisierung.

Langsam löste sich die Starre. Brandt sprach in der Sondersitzung des Bundestages in Bonn am 18. August bereits über Zukunftsvorstellungen für seine Teilstadt: Stärkung der Bindungen an den Bund, Ausbau zu einer "großen Stadt des wirtschaftlichen und kulturellen Schaffens". Sofort setzte der Senat zwei Kommissionen ein, die dafür Konzepte entwickelten. Und der Senat legte eine Berlin-Werbekampagne im Ausland auf, "ohne Rücksicht auf den Etat". Brandt verhieß: "Berlin wird ein Magnet werden." Bonn ließ dann bis zum Mauerfall tüchtig "Rheingold" an die Spree fließen. Trotzdem zogen Großunternehmen nach Westdeutschland. Der Westsektor war Sackbahnhof, und die Angst, von den Russen geschluckt zu werden, blieb virulent.

Der Brandt-Brief an John F. Kennedy zeigte Wirkung. Kennedy schickte am 19. August seinen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson und General Lucius D. Clay, den von den Berlinern hochverehrten Vater der Luftbrücke während der Blockade 1948/49. Die Zahl der US-Soldaten wurde um 1500 auf 6500 erhöht. Das alles war endlich Balsam auf die wunden Seelen. Am 22. August besuchte auch der Kanzler Berlin, am 30. Bundespräsident Heinrich Lübke. Na endlich!, sagten die Berliner. Sie nahmen es Adenauer schwer übel, dass er so spät kam.

Den Antwort-Brief Kennedys an den Regierenden Bürgermeister, den Johnson mitbrachte, "empfanden wir anfangs bloß als Trostpflaster, in Wirklichkeit war er eine Lektion in Realpolitik", sagt Bahr. Was drin stand, schildert er so: Die sowjetische Entscheidung sei nur durch Gewalt zu revidieren, und niemand ist bereit zum Krieg. Die Westalliierte Präsenz und die Sicherheit West-Berlins blieben unberührt. Moskau machte ja auch an der Sektorengrenze halt. Bahr: "Das erklärte die unheimliche Ruhe." Dass andererseits die Macht des Westens an der Mauer endete, "wurde erst ein Jahr später für jedermann auf grausame Weise sichtbar, als Peter Fechter hilflos im Todesstreifen verblutete".

Über Nacht war das Berliner Leben hüben und drüben anders geworden. Am 14. August waren rund 50 000 Arbeitsplätze in der West-Berliner Industrie, im Handel und Handwerk leer; es gab ja keine Grenzgänger aus dem Osten mehr. 40 Prozent ihrer Gehälter hatten sie in West-Mark bekommen, 60 Prozent in Ost, dank der Lohnausgleichskasse. Für die 12 000 West-Berliner, die im Osten arbeiteten, war die Umtauschquote 1:1 umgekehrt. Der Osten warf die West-Grenzgänger nicht hinaus, aber der Senat drehte ihnen den Umtauschhahn ab. Keine Mark West für die Stacheldrahtverhaue, war die Devise. Man machte sich im Boykott der S-Bahn Luft, die auch im Westen in der Regie der DDR-Reichsbahn fuhr. Das gehörte zum Viermächte-Status, und die West-Alliierten hielten daran fest.

Nadelstich um Nadelstich ging der Kalte Krieg weiter. Am 27. August eröffnete die "sowjetzonale Regierung" in den S-Bahnhöfen Zoo und Westkreuz DDR-Büros, in denen West-Berliner Passierscheine für den Ostsektor beantragen sollten, Gebühr eine Mark. Diese Büros wurden auf Anordnung der Alliierten sofort polizeilich geräumt. Den Berlinern war es sehr recht; wäre ja noch schöner, würde sich die DDR auch noch im Westen einnisten.

Der Gesamtberliner Landesverband der SPD verlor seine Existenz. Da zog keine Viermächte-Abrede von 1946. Am 24. August beschloss der Brandtsche Landesvorstand notgedrungen die "Entlassung" seiner 6000 Ost-Berliner Parteimitglieder. Dafür sollte die SED büßen; Ende August wurden die West-Berliner SED-Büros polizeilich geschlossen - fürs erste. Die SED wurde zur SEW - W wie "Westberlin" östlicher Lesart. Sie blieb ein verachtetes Mauerblümchen. Das "Lehrstück in Realpolitik" aber führte Brandt auf den Weg der Entspannungspolitik, von Schöneberg bis Bonn.

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