Berlin : Der meiste Müll soll sich in Luft auflösen

Senat will Abfallberge verkaufen und verbrennen lassen – und hofft auf günstige Tarife

Christoph Stollowsky

Rund eine Million Tonnen Müll landet jedes Jahr in Berlins grauen Tonnen. Bisher wurde die Hälfte davon verbrannt – vom Jahr 2005 an soll es viel mehr werden: insgesamt 820 000 Tonnen. Dafür soll die Berliner Stadtreiningung (BSR) nach dem Willen des Senats aber nicht ihre Müllverbrennungsanlage in Ruhleben ausbauen, sondern rund 320 000 Tonnen Abfälle jährlich an die Betreiber auswärtiger Müllöfen oder Wärmekraftwerke verkaufen. Von diesem Müllexport erhofft sich der Senat niedrigere Kosten und günstige Mülltarife.

„Gut brennbaren Müll kann man vorteilhaft anbieten und exportieren“, sagte Umweltsenator Peter Strieder (SPD) gestern. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) werde den Abfallberg bundesweit ausschreiben und das günstigste Angebot heraussuchen. So könne sie flexibel reagieren, „falls die Müllberge durch das Dosenpfand und andere müllvermeidende Initiativen weiter schrumpfen.“ Würde sie stattdessen ihren eigenen Müllofen ausbauen, komme sie dies vielleicht teuer zu stehen. „Dann schaffen wir Kapazitäten, die wir später gar nicht mehr brauchen.“

Strieder verkündete das neue Konzept nach heftigen Debatten auf der gestrigen Senatssitzung. Dabei verlangten PDS-Vertreter, der Senat und nicht die BSR solle den Müll ausschreiben. Die BSR wolle ihre eigene Müllverbrennung ausbauen, sie sei „interessengebunden“. Doch Strieder setzte sich durch. Die Ausschreibung werde vom Senat kontrolliert, argumentierte er. Im übrigen dränge die Zeit.

Denn der Inhalt der grauen Tonnen darf vom Jahr 2005 an nicht mehr auf Deponien gebracht werden (siehe Kasten). Es geht dabei in Berlin um eine halbe Million Tonnen, die sich künftig – so die Prognosen – auf rund 440 000 Tonnen verringern werden.

Rund 100 000 Tonnen davon soll die BSR auf unbegrenzte Zeit zur Verbrennung ausschreiben. Mit weiteren 220 000 Tonnen soll das Gleiche geschehen – aber hier setzt der Senat den Käufern des Mülls ein Limit: Zehn Jahre lang können sie ihn verbrennen, danach will das Land prüfen, „ob es weiterhin günstig ist, den Müll zu exportieren“. Andernfalls behält sich Berlin „einen Ausbau des eigenen Müllofens in Ruhleben vor“.

Damit ab 2005, wenn die Deponien schließen, kein Abfallberg von 440 000 Tonnen liegen bleibt, will der Senat also künftig 320 000 Tonnen verbrennen lassen. Nun sind bei dieser Rechnung aber weitere 120 000 Tonnen offen. Diese Menge soll nach Schöneiche gebracht und dort zu Biogas verarbeitet werden. Strieder: „Die BSR schreibt den Bau einer solchen Anlage aus, 2005 wird sie fertig sein.“

Zum gleichen Termin soll auch eine neue Sortieranlage an der Gradestraße in Britz starten: Dort will die BSR allen Müll nach gut und schlecht brennbaren Materialien sortieren. Erstere werden verbrannt, der Rest wird zu Gas vergoren.

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