Berlin : Der Mensch ist entziffert: Drei Tage Zittern

Christian Domnitz

Auf dem Ultraschall-Schirm schien das Kind Sabine Leifert (Name geändert) zuzuwinken. "Es hatte den Arm gehoben wie zu einem Gruß", sagt die 37-Jährige. "Das war unglaublich schön anzusehen." Als es sich in ihrem Bauch bewegte, hatte es nicht nur den Arm abgespreizt, sondern auch die großen Zehen. Mediziner nennen diese Fußhaltung "Sandalenfurche". Sie kann ein Indiz für Trisomie 21, das Down-Syndrom, sein. "Durch Schwachsinn und mongoloides Aussehen gekennzeichnete Störung der Embryonalentwicklung - flache Nase, plumpe Ohren, dicke Zunge" steht dazu im Lexikon. Bei der genetisch verursachten Krankheit bleibt das Kind sein Leben lang stark geistig behindert. Ein Drittel aller Kinder, die im Mutterleib eine "Sandalenfurche" haben, werden später "Downies" sein - das zeigten statistische Untersuchungen.

"Diese Ungewissheit war die Hölle", sagt Sabine Leifert, die schon Mutter zweier gesunder Kinder ist. Um herauszufinden, ob das heranwachsende Kind in ihrem Mutterleib eine Schädigung hat, entschloss sie sich zur Fruchtwasser-Analyse: Dabei werden mit einer langen Nadel, die durch die Bauchdecke gestochen wird, Zellproben des Kindes genommen. Überprüft wird auch, ob das Chromosom Nummer 21 einmal zu viel vorhanden ist - der Auslöser für das Down-Syndrom. Jede fünfte Schwangere lässt diese Untersuchung anstellen, obwohl sie ein Risiko birgt: das der Fehlgeburt. Sabine Leifert hatte zwei Wochen lang Wehen und Schmerzen - und behielt das Kind, von dem sie nicht wusste, ob sie einmal viel Kraft brauchen wird für die Liebe zu ihm. Das war über Weihnachten und Neujahr.

"Wenn nachgewiesen werden kann, dass ein Kind stark behindert sein wird oder eine Gefahr für die Mutter darstellt, darf auch noch nach der zwölften Schwangerschaftswoche abgetrieben werden", sagt Professor Joachim Dudenhausen, der die geburtsmedizinische Abteilung am Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding leitet. 66 Stationsbetten, sechs Kreißsäle. Hier hatte Sabine Leiferts Kind vom Bildschirm gewinkt. Hier ließ sie sich die lange Nadel in den Bauch stechen.

"Natürlich ist da immer die Hoffnung, dass nichts ist", sagt sie. Und nach einer Pause: "Aber wenn man das Kind auf jeden Fall haben möchte, braucht man sich auch nicht untersuchen zu lassen." Welche Frau entscheidet sich schon leichten Herzens für eine Abtreibung? "Und mein Kind hatte mir ja schon Hallo gesagt."

Die Fruchtwasser-Analyse sollte Sabine Leifert die Gewissheit geben, die ihr der Ultraschall genommen hatte. Im Genlabor werden die Chromosomen unter dem Mikroskop wie auf einer Landkarte angeordnet, gezählt und begutachtet. "Dann können wir den Eltern außerdem mit Sicherheit sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird", sagt Dudenhausen. Das Geschlecht des Kindes sei sogar schon zu einem Zeitpunkt zu erfahren, wenn ein straffreier Schwangerschaftsabbruch noch möglich ist. Dudenhausen: "Ich habe aber noch nicht davon gehört, dass eine Mutter ihr Kind nicht wollte, weil es das falsche Geschlecht hatte."

Erbkrankheiten, die durch defekte Chromosomen oder ein einzelnes Gen entstehen, können bei der Analyse vor der Geburt ebenso bestimmt werden. "Bei solchen Diagnosen müssen wir sehr einfühlsam sein." Zum Gespräch mit den Eltern werde oft ein Kinderarzt eingeladen, der ihnen das mögliche Krankheitsbild des zu erwartenden Kindes erklärt. Manchmal ist bei dem Gespräch auch ein Psychologe anwesend.

Es kommt vor, dass einem der x-förmigen Chromosomen ein "Arm" fehlt oder dass ein Stück herausgebrochen ist, erklärt Dudenhausen. Bei einigen Defekten sei klar, dass das Kind trotzdem gesund sein werde. Bei anderen bleibe die Ungewissheit oder weitere Untersuchungen würden nötig, zum Beispiel die der Elterngene. "Dass wir die Unsicherheit nicht ausräumen können, ist selten, aber es passiert."

Sabine Leifert bekam Sicherheit, und sie musste sich keine Gedanken machen, ob sie abtreiben soll oder nicht. Drei Tage nach der Fruchtwasserprobe kamen die Ergebnisse eines Schnelltests, ein gründlicher Test folgte zwei Wochen später, nach Neujahr. Sie sagt: "In dieser Zeit habe ich gezittert." Sabine Leifert ist inzwischen in der 23. Schwangerschaftswoche. Sie weiß jetzt genau, sie wird einen gesunden Jungen zur Welt bringen. Damals, auf dem Ultraschall, hat er vielleicht nur ein bisschen mit seinen Zehen gespielt.

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