Berlin : Der Menschen-Gewinner

Der unbekannte Matthias Platzeck – aus der neuen Biografie über den SPD-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten. Von Michael Mara und Thorsten Metzner

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Matthias Platzeck ist kein Sonntagskind, auch wenn das manchmal behauptet wird. Er wird an einem Dienstag geboren. Hans Platzeck, der Familienvater, hat ständig zu tun, er ist Mediziner aus Berufung. „Er ging früh um acht und kam aus seinem geliebten Krankenhaus nicht vor halb neun Uhr abends wieder. Erzogen hat uns meine Mutter“, sagt Matthias Platzeck. „Er hat für seine Arbeit gelebt.“ Das „nur“ schwingt unausgesprochen mit. Man spürt Respekt und ahnt die beständige Enttäuschung darüber, dass der Vater zu wenig Zeit für den Sohn hatte. Nur für die Arbeit leben will Platzeck nie, selbst wenn er tausendmal Bundesvorsitzender der SPD und Ministerpräsident von Brandenburg wäre. Er arbeitet hart, sehr hart sogar. Aber Menschen, die nur für die Arbeit leben, sind innerlich arme Menschen – das ist eine seiner Grundüberzeugungen. Und solche Menschen sind keine guten Politiker.

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In Kleinmachnow ist Matthias Platzeck noch ein „Roter“, wie er selbst sagt. Er hat die FDJ-Zeitung „Junge Welt“ abonniert und ist überzeugt, dass der Sozialismus die bessere Gesellschaftsordnung ist. Er rebelliert gegen die protestantisch-bürgerliche Erziehung im Elternhaus. „Matthias war absolut für den Staat bis zu seinem 18. Lebensjahr. Er war überzeugter Sozialist. Da hatten wir als Eltern schon Konflikte, weil er dafür war und wir Eltern dagegen“, erinnert sich Mutter Christa Platzeck. Der weltanschauliche Konflikt im Elternhaus endet vorerst unentschieden: Matthias Platzeck wird 1968 konfirmiert, wie es die Eltern wünschen. Und er nimmt wie alle in seiner Klasse an der staatlichen Jugendweihe teil, weil er es will. „Ohne meine Eltern. Die kamen nicht mit. Ein Freund meines Vaters begleitete mich.“

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Matthias Platzeck verliebt sich in Ute Bankwitz, eine ebenso hübsche wie kluge Kommilitonin, die er in der Seminargruppe kennen lernt. Die beiden heiraten im Herbst 1977, bald darauf, im Januar 1978, werden die Zwillingstöchter Erika und Katharina geboren. Dass er Vater von Zwillingen wird, weiß er vor der Geburt nicht. „Wir hatten uns auf ein Kind eingerichtet, ein Kinderbett und einen kleinen Kinderwagen gekauft.“ Mit dem lustigen Studentenleben ist es nun vorbei. Er hat eine Familie, um die er sich kümmern muss, und er muss sein Studium zu Ende bringen. Um alles unter einen Hut bringen zu können, studieren Ute und Matthias jetzt nach einem „Sonderstudienplan“. Studentenfamilien sind in der DDR ausdrücklich erwünscht, werden besonders gefördert. Das bedeutet, die Eltern können sich in der Betreuung der Zwillinge abwechseln: Einer studiert, der andere betreut zu Hause die Kinder, am nächsten Tag wird getauscht.

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Im Jahr 1982 kann Platzeck als Abteilungsleiter für Umwelthygiene bei der Kreishygieneinspektion in Potsdam anfangen. Gerd Gebhardt ist zuständig für die fachliche Betreuung der Kreisinspektionen. Irgendwann erscheint also Matthias Platzeck zum Antrittsbesuch, woran sich Gebhardt noch sehr genau erinnert: „Es war anders als bei solchen Vorstellungen üblich. Bei ihm fing das Gespräch an dem Punkt an, wo es bei anderen aufgehört hat. Bei prinzipiellen Fragen zum Selbstverständnis unserer Arbeit etwa.“ Man nähert sich heiklen Themen wie den Thesen des Club of Rome, der für eine gebremste Wirtschaftsentwicklung plädiert, um die drohende ökologische Katastrophe abzuwenden. Das ist ein Tabuthema in der DDR, wo die ökologische Kehrseite des „wissenschaftlich-technischen Fortschritts“ nicht hinterfragt wurde. Der Mann, der sonst vorsichtig und auf der Hut vor der Staatssicherheit ist, fasst sofort Vertrauen zu dem Neuen. „Da war so viel ehrliche, substanzielle Neugier.“ Was Matthias Platzeck erst in der Folgezeit erfährt und schätzen lernt: Der umgängliche Gebhardt arbeitet in seiner Freizeit als Gastwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, dort, wo einige Jahre zuvor der DDR-Kritiker Robert Havemann lehrte. Gerd Gebhardt entwickelt zusammen mit anderen Ideen, die schnell die Stasi auf den Plan rufen. Nach der Wende wird Gebhardt aus seiner mehr als 1000-seitigen Stasi-Akte erfahren, dass er schon damals rund um die Uhr überwacht wurde. Mit Wanzen in der Wohnung, einem Peilsender im Auto, mit dem jederzeit der Aufenthaltsort seines Autos festgestellt werden konnte. Auch bei Fahrten mit Matthias Platzeck. Überhaupt diskutieren die beiden, wenn sie unter sich sind, inzwischen grundsätzlicher, ob der Sozialismus eine Überlebenschance hat oder „eine gigantische Irrlehre“ ist. So wie 1985 oder 1986, als sie in Gebhardts Wartburg zu einer Konferenz nach Thüringen unterwegs sind. Auf der Fahrt stellt Platzeck plötzlich eine Frage, an die sich Gebhardt noch genau erinnert: „Wenn es so nicht funktioniert, mit den staatlichen Planvorgaben, wie müsste dann eine richtige volkswirtschaftliche Steuerung aussehen?“ Die Antwort des Systemforschers kommt wie aus der Pistole geschossen: „Du bist doch der Kybernetiker: Man muss die planwirtschaftliche Steuerung ersatzlos abschaffen.“ Gebhardt sagt damals, daran erinnert sich Matthias Platzeck noch genau, auch den Zusammenbruch der DDR fast auf das Jahr genau voraus: „Wir müssen nicht abhauen, das geht nur noch vier, fünf Jahre gut.“

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Die politische Wende, die in der zweiten Hälfte der 80er Jahre kaum merklich ihre Vorboten schickt, hat in Potsdam viele Väter und Mütter. Seine Opposition kommt eher leise daher, gewissermaßen durch die Hintertür, aber vielleicht wirksamer und langfristig überlegter angelegt, als es scheinen mag. Matthias Platzeck profitiert in jenen entscheidenden Tagen vor der Wende auch davon, dass er unterschätzt wird. Das eröffnet ihm Spielräume. Eine Lebenstechnik, die er auch später nutzt und perfektioniert. Seit Wochen bereitet er zusammen mit Carola Stabe das zweite landesweite Treffen der DDR-Umweltgruppen vor. Es soll am 7. Oktober stattfinden, dem Jahrestag der Republik. Die Potsdamer Bezirksverwaltung der Staatssicherheit ist alarmiert, registriert die neue Qualität. Am 5. Oktober 1989 trifft wieder eine alarmierende Information der Stasi-Bezirksverwaltung bei Günther Jahn (SED-Bezirkschef in Potsdam) im „Kreml“ ein: „Durch Platzeck bestehen intensive Beziehungen zur Gruppe kontakte der Friedrichskirchgemeinde Potsdam-Babelsberg. Darüber hinaus unterhält Platzeck zu dem feindlich-negativ tätigen … engen Kontakt, in dessen Ergebnis er und weitere Führungskräfte der Gruppe Argus sich vollinhaltlich mit dem Neuen Forum identifizieren und sich bereit erklären, diesem beizutreten.“

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Obwohl alles abgesprochen ist, zögert Platzeck im letzten Moment, Umweltminister zu werden. Dieses Verhalten kann man bei ihm auch später beobachten, wenn er eine neue Aufgabe übernehmen soll. Er ringt mit sich, wägt ab, hat Zweifel, sagen Freunde, die das mehrfach erleben. Ein paar Tage vor der Ernennung zum Umweltminister sei Matthias Platzeck plötzlich zu ihm gekommen, schildert der ehemalige CDU–Abgeordnete Nooke: „Günter, willst du es nicht machen?“ Angst vor der eigenen Courage, 36 Jahre jung und schon Minister? „Es bleibt so“, entgegnet Nooke. Wer in dieser spannenden Aufbruchzeit den Umweltminister nach seinem politischen Weltbild fragt, erhält ungewöhnliche Antworten: „Mit Begriffen wie rechts, links und sozialdemokratisch kann ich wenig anfangen.“ Er hat auch kein Problem damit, als „Wertkonservativer“ bezeichnet zu werden. Seinen Politikstil beschreibt er so: „Ich will Menschen gewinnen. Wenn man nur auf Konfrontation fährt, verschleißt man sich schnell. Ich versuche, die Waage zwischen meinem Harmoniebedürfnis und Konfliktbereitschaft zu halten.“ Als negative Charaktereigenschaften zählt der Jung-Minister auf: „Ich setze zu sehr auf das Gute im Menschen. Ich nehme vieles zu ernst. Ich kümmere mich nicht gern um Details. Und mich belasten menschliche Querelen.“

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Der Deichbruch in der Ziltendorfer Niederung geht Platzeck nahe. Jahrhundertealte Bäume werden wie Streichhölzer weggespült. Die Bilder vergisst er nie. Er habe dort ein Gefühl für die Urgewalt der Natur bekommen, die der Mensch nicht einfach ignorieren könne, erzählt er später. Man dürfe solche Flüsse nicht in ein enges Bett zwingen, ihnen den natürlichen Überschwemmungsraum nehmen. Es gibt in diesen Stunden auch Momente der Unsicherheit, des Zweifelns. Einmal kommt ein Oberst der Bundeswehr zu ihm. „Herr Platzeck, wie sehen Sie denn aus, was ist denn mit Ihnen los? Denken Sie immer daran: Es gibt keine hoffnungslose Situation. Es gibt nur eine hoffnungslose Führung.“ Das offensive Herangehen, der perfekte Einsatz der Truppe beeindrucken Platzeck so sehr, dass er sein bis dahin distanziertes Verhältnis zur Bundeswehr korrigiert. „Das hat Wirkung gezeigt“, erzählt der einstige Büroleiter Dunkel. Und: „Er hat gelernt, dass man bestimmte Entscheidungen ganz einsam treffen muss.“

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Eine Kommune ist eine gute, vielleicht die beste Lehrzeit für Politiker. Der „Hoffnungsträger“ muss als Potsdamer Oberbürgermeister Rückschläge hinnehmen. Doch sein Stellvertreter Jann Jakobs ist immer wieder verblüfft, wie schnell Platzeck nach einer Niederlage zur Tagesordnung übergeht, selbst wenn alles schief gelaufen ist, die eigene Fraktion sich querstellt. „Da hat er dann immer gesagt: Komm, wir trinken einen Rotwein! Das Leben geht weiter. Wir finden schon eine Möglichkeit.“ Wenn er sich nicht gerade mit der PDS im Hauptausschuss herumärgert, regiert er Potsdam oft von unterwegs: mal vom Autotelefon, manchmal auch von seinem Weberhaus in Babelsberg, wo er zu informellen Runden lädt, oder auch mal vom Italiener um die Ecke, wo er sich mit wichtigen Leuten zum Essen trifft. Jakobs bekommt regelmäßig knappe telefonische Anweisungen: „Übernimm heute Abend bitte den Termin mit dem Döpfner.“ Mit wem? „Dem Vorstandschef des Springer-Konzerns.“ Oder: „Flieg bitte morgen für mich nach Cannes zur Immobilienmesse.“ Die regulären Beigeordnetensitzungen sind wohl die kürzesten in der Geschichte des Potsdamer Rathauses. „Nach einer Stunde wurde Platzeck immer unruhig. Gibt es noch Wortmeldungen? Und wehe, es gab welche. Das musste immer zack, zack gehen“, erzählt Jakobs. Platzeck will Ergebnisse, schnelle Entscheidungen. Was den Nachteil hat, dass das Für und Wider mancher Vorlage nicht genügend abgewogen wird.

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Es ist schon lange dunkel, als vor dem unscheinbaren Haus in der etwas abseits gelegenen Straße in Babelsberg zwei schwarze Mercedes-Limousinen vorfahren. Aus einer springen zwei Bodyguards, aus der anderen steigt Manfred Stolpe. Eiligen Schrittes verschwindet er hinter dem kleinen zweigeschossigen Haus von Matthias Platzeck, dessen Eingang versteckt auf der Rückseite liegt. Rainer Speer, sein Staatskanzleichef, ist schon da. Es ist der 2. Dezember 2001, der erste Advent. Die drei einflussreichsten Brandenburger Politiker sind unter sich: Niemand soll erfahren, was sie zu besprechen haben. Der 64-jährige Ministerpräsident erzählt launig dies und das, um dann eher beiläufig zu bemerken, dass er den Zeitpunkt für die Wachablösung für gekommen hält. „Ich habe das etwas umständlich angesprochen“, erinnert sich Manfred Stolpe. Platzeck hört aufmerksam zu, zeigt aber kaum Emotionen. „Er war nicht überwältigt, nicht total überrascht“, erinnert sich Stolpe. Rainer Speer hat sich seit Wochen auf diesen Abend vorbereitet, einen genauen Fahrplan für die Machtübergabe ausgearbeitet: Auf seinem Laptop spielt er nun Schaubild für Schaubild der Powerpoint-Präsentation „Wachablösung“ ab. Auf dem ersten heißt es unter der Überschrift: „Zielsetzungen“: „Manfred Stolpe regelt seine Nachfolge – es gibt kein Gezänk.“ Die Originaldatei „Wachablösung“ wird im Laptop von Speer sogar von lautem Beifall begleitet. Aber an diesem Adventsabend stellt der Staatskanzleichef den Ton dann doch lieber ab, um die Atmosphäre nicht zu stören.

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Es gab einen lebenserfahrenen Mann, der Platzeck immer wieder gedrängt hat, nun doch endlich den Hafen der Ehe anzusteuern, Jeanette Jesorka zu heiraten: Es war Johannes Rau, der frühere Bundespräsident. Beide kannten sich seit 1990. „Wir haben uns auf Anhieb prächtig verstanden. Ich bin auch eher auf Raus Linie: versöhnen statt spalten. Er war ein Vorbild.“ Seither trafen sich Platzeck und der 23 Jahre ältere Rau regelmäßig. „Nachdem Johannes Rau Jeanette kennen gelernt hatte, fragte er mich bei jeder Begegnung: Wann heiratet ihr denn nun?“, erzählt Platzeck. „Und er hat angeboten: Wenn du einen Trauzeugen brauchst, mache ich das gern.“ Das war eine Abmachung. Einen Tag vor Weihnachten 2005 hat Platzeck, damals schon SPD-Vorsitzender, Johannes Rau zu Hause in Berlin besucht, „es ging ihm schon sehr schlecht“. Aber er habe sich sogleich nach Jeanette erkundigt, nur ihr Nachname sei ihm nicht gleich eingefallen. Da habe Rau zu ihm gesagt: „Ach, heirate endlich, dann muss ich nicht grübeln, wie sie mit Nachnamen heißt, sie ist dann ja Jeanette Platzeck.“ Fünf Wochen später ist Rau gestorben. Aktuell denke er zwar nicht an Heirat, sagt Matthias Platzeck, als er diese Geschichte erzählt. Er habe als Ministerpräsident und Vorsitzender der SPD im Moment ganz andere Sorgen. „Aber ich schließe nicht aus, dass wir heiraten.“

— Michael Mara / Thorsten Metzner: Matthias Platzeck. Die Biografie. Diederichs / Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen / München. 256 Seiten, 19,95 Euro

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