Berlin : Der Milliarden-Euro-Mann ist tot

Ulrich Stange, langjähriger Hochbau-Chef des Senats, konnte den Ruhestand nur kurz genießen

Christian van Lessen

Den Ruhestand hatte er mit ungläubiger Gespanntheit erwartet, auch etwas gefürchtet. Wie das so ist, wenn einer jahrzehntelang unter Volldampf steht und spürt, dass der Druck nachlässt. Ausruhen wollte er, ein Buch schreiben, über unbekannte Dimensionen des Geistes philosophieren. Keine Zeile über Architektur, Steine oder Beton verlieren. Ulrich Stange, langjähriger Hochbau-Chef der Senatsbauverwaltung, wollte sein Berufsleben abhaken, endgültig. Nun starb er – nur ein halbes Jahr, nachdem er mit 65 in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Noch im Frühjahr 2003 hatten ihn Ingenieure und Architekten mit einer Feier in der Akademie der Künste in die Pension entlassen. Der „Uli“, wie viele ihn nannten, war eine Institution in der Baubranche, eine graue Eminenz, kaum in der Öffentlichkeit bekannt. In der Bauverwaltung hatte er 37 Jahre gedient, anfangs eher aus Verlegenheit. Nach dem Abitur und der Maurerlehre hatte er Architektur studiert, aber der Arbeitsmarkt gab keine passende Architektenstelle her, dafür ein Referendariat in der Bauverwaltung. Deren Chef war damals, 1966, der legendäre Rolf Schwedler, der zum Synonym für den Nachkriegsaufbau West-Berlins geworden ist. Stange machte Karriere, wurde nach wenigen Jahren Projektleiter für öffentliche Bauten. Als der neue Flughafen Tegel entstand, war er schon Oberbaurat. Dass es ihm gelang, Millionen aus dem Bauprogramm zu kürzen, brachte ihm Respekt ein. Es waren dann insgesamt weit über 50 größere Bauprojekte, die er betreute. Beispielsweise den Umbau des denkmalgeschützten Mendelsohn-Baus am Lehniner Platz für die Schaubühne, das Jüdische Museum von Daniel Libeskind oder auch den Bau des Kammermusiksaals. Zusammengenommen wurden zig Milliarden Euro unter seiner Aufsicht verbaut, und Stange konnte sich stolz als der „Macher in der Verwaltung“ bezeichnen. Er stritt mit Architekten über Kosten und Termine, einmal zitierte ihn der einstige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen ins Rathaus, als der Kammermusiksaal nicht rechtzeitig zur 750-Jahrfeier Berlins fertig zu werden drohte. Die ausgesprochen hohen Baukosten in Berlin nannte Stange stets einen „Sonderfall“.

Acht Senatoren, darunter Harry Ristock oder auch Klaus Franke, vertrauten seinem Rat. Er war eben einer der entscheidenden Beamten hinter den Kulissen. Mit dem letzten Dienstherrn, Peter Strieder, stimmte aber die Chemie nicht. Vor zwei Jahren tauchte unter anderem auch Ulrich Stanges Name im Zusammenhang mit einer umstrittenen Auftragsvergabe für den Neubau der TU-Bibliothek auf. Ein Verdacht wurde schnell ausgeräumt, aber Stange wirkte seither dünnhäutig und verletzt.

Der Abschied aus der Bauverwaltung mag ihm, der wie ein agiler Künstler wirkte, zuletzt leicht gefallen sein. Laut hat er es nicht gesagt. In seiner Altbauwohnung, nur wenige Schritte vom Dienstgebäude am Fehrbelliner Platz entfernt, freute er sich auf den Abstand, den er bald haben sollte, im Häuschen in Norddeutschland. Aber Abstand hat er kaum noch gewinnen können.

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