Berlin : Der Mini-Jetlag

Die Woche beginnt – und wir sind schlapp. Warum wir den Montagsblues haben. Und was wir tun können

Bas Kast

Das Schlimmste haben Sie hinter sich. Gut möglich, dass Sie noch ein wenig mit den Nachwehen zu kämpfen haben. Dass Sie noch dabei sind, die Schatten des Montagsblues zu überwinden. Aber der übelste Moment ist überstanden: dieser Augenblick, als heute Morgen der Wecker schrillte, sagen wir: um sieben Uhr. Vielleicht sind Sie noch kurz liegen geblieben, müde, matt, lustlos. Aber Sie wussten genau, dass es keine Flucht gibt. Dass alles wieder losgeht. Die Tretmühle, die Routine, der Stress, der Alltag im Beruf.

Sie sind nicht allein. Der Montagsblues grassiert. Träge tönt er aus Büros, Fabriken und Schulen. In einer großen Umfrage des Hamburger Online-Marktforschungsinstituts „Ears and Eyes" outeten sich 79 Prozent der Befragten als Montagmorgenmuffel. Jeder Achte hält sich, wenn er das Büro nach dem Wochenende wieder betritt, für nur eingeschränkt kommunikationsfähig. Der Montagmorgen schlägt uns also aufs Gemüt.

Aber warum eigentlich?

Was nervt uns so? Warum ist der Montag so viel schlimmer als der Dienstag?

Der erste Grund für das Montagstief lässt sich leicht finden: Er liegt nicht im Montagmorgen selbst, sondern an der Nacht davor. Wir sind am Montag schlicht unausgeschlafen. „Fragt man Menschen, wann sie am schlechtesten schlafen, bekommen Sie immer wieder die gleiche Antwort: in der Nacht von Sonntag auf Montag", sagt Jürgen Zulley, Leiter des schlafmedizinischen Zentrums an der Universitätsklinik Regensburg. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir die Qualen des Montagmorgens bereits am Sonntagabend fürchten: Aufstehen in Allerherrgottsfrühe, Chef, Arbeit. Das Grübeln raubt uns die Nacht.

Aber: Den Grundstein fürs Stimmungstief legen wir schon viel früher – am Freitagabend. Wir gehen noch einen trinken, treffen Freunde, sehen einen Film. Und schlafen am nächsten Morgen mal so richtig aus. Das wiederholt sich am Samstag.

Die Rechnung fürs Wochenend- Lotterleben wird uns präsentiert, wenn am Montag der Wecker klingelt. Denn normalerweise hätte der Körper schon nachts zwischen drei und vier Uhr damit angefangen, das Stresshormon Cortisol auszuschütten. Cortisol stellt dem Körper Energie zur Verfügung. Pünktlich zum Morgengrauen erreicht der Spiegel seinen Höhepunkt, wir wachen auf und fühlen uns fit. Jetzt aber, nachdem wir ein Wochenende lang die Nacht zum Tag gemacht haben, hat sich die Cortisolausschüttung um ein, zwei Stunden nach hinten verschoben – eine Art Mini-Jetlag. Wenn uns dann am Montag um sieben Uhr der Wecker aus dem Schlaf reißt, ist es für unseren Körper, biochemisch gesehen, noch zappenduster. Wir haben zu wenig Cortisol im Blut. „Die Folge ist: Sie fühlen sich dösig und schlapp", sagt Zulley.

Doch nicht nur der Körper, auch die Seele sieht montags schwarz. „Am Montag müssen wir uns nach zwei Tagen Freiheit plötzlich wieder fügen", sagt Stefan Klein, Autor des Bestsellers „Die Glücksformel", in dem alles, was die Wissenschaft über die Entstehung unserer Gefühle herausgefunden hat, zusammengetragen wurde. „Fremdbestimmt zu werden – das ist etwas, worauf Menschen und sogar Tiere mit Stress und Depressionen reagieren", sagt Klein. Als Beleg führt er eine Untersuchung von mehr als 10 000 britischen Beamten an. Der Befund: Wer ganz unten in der Hierarchie stand, meldete sich nicht nur drei Mal so häufig krank wie sein Chef, auch sein Sterberisiko war fast um das Dreifache erhöht. Aber mehr noch: „Es gibt kaum einen anderen Faktor, der so entscheidend für das Wohlbefinden ist, wie das Maß, selbstbestimmt über seine Zeit zu verfügen", sagt Klein. Nicht umsonst sehen die meisten im Chef die Hauptursache für miese Stimmung am Montag, wie kürzlich eine Umfrage der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung in Hamburg ergab: 42 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer fühlen sich bei Arbeitsbeginn von ihm genervt.

Doch: Der Montag geht vorbei, und insgeheim wissen wir, dass ein ewiges Wochenende auch nicht wirklich glücklich machen würde. Nicht dauerhaft.

Und auch das kann die Wissenschaft bestätigen. Als der aus Ungarn stammende Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (sprich: tschick-sent-mihaji) Menschen fragte, wann sie sich am glücklichsten fühlten, meinten viele zwar: in der Freizeit. Anschließend aber machte der Forscher die Probe und ließ Leute zu verschiedenen Zeitpunkten auf Fragebögen festhalten, wie sie sich gerade fühlten. Da stellte sich heraus: Die meisten Glücksmomente empfinden wir nicht im Urlaub und nicht am Wochenende, sondern: während der Arbeit. Sogar Fabrikarbeiter gaben während ihrer Schicht doppelt so oft an, sich gut zu fühlen wie in der Freizeit.

Wie gesagt: Das Schlimmste haben Sie hinter sich. Morgen ist Dienstag.

TIPPS GEGEN DEN MONTAGSBLUES

Grübeln Sie nicht schon sonntagnachmittags über den Montagmorgen nach. Das macht nur Stress. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, aber wirklich nur einen Moment, denken Sie an das, was kommt – und finden Sie etwas, worauf Sie sich freuen können

Vermeiden Sie es , sonntagabends zu viel Alkohol zu trinken: Er stört die Schlafqualität massiv.

Gehen Sie sonntags nicht etwa früher, sondern später ins Bett. „Damit erhöhen Sie den Schlafdruck, und Sie werden sich besser ausruhen", sagt Schlafforscher Jürgen Zulley.

Nach dem Aufstehen am Montag: Wechselduschen und Fenster auf – ja, gemein. Aber je schneller der Organismus auf Touren kommt, desto kürzer der Montagskater. Und essen Sie, was Sie wollen, sogar Schokolade, wenn Sie das mögen. Montage sind nicht die Zeit für Diäten.

Schaffen Sie sich am Arbeitsplatz so viele Freiräume wie möglich, verbringen Sie zum Beispiel die erste Mittagspause der Woche nicht auch noch im Büro.

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