Berlin : Der Mörder ist immer der Nachbar

Was die deutsche Provinz schon hat, das bekommt jetzt auch Prenzlauer Berg: eigene Krimis.

von
Hier wachen wir. Krimiautor Thomas Knauf und sein Hund Struppi ermitteln gemeinsam am Wasserturm. Foto: Doris Klaas
Hier wachen wir. Krimiautor Thomas Knauf und sein Hund Struppi ermitteln gemeinsam am Wasserturm. Foto: Doris Klaas

Struppi spurt nicht. Rennt in dem kleinen Park vorm Wasserturm in die Rabatten, steuert interessiert Passanten und Hunde-Kollegen an. „Los Struppi, arbeiten“, ruft der fürs Foto posierende Krimiautor Thomas Knauf. Er ist Profischreiber und weiß, dass ein Hund dem Sympathiewert eines Autorenporträts ebenso guttut wie ein zerknautschter Held mit Promenadenmischung und Figurproblemen dem Bücherverkauf. Zumindest in Prenzlauer Berg. Denn der Gegend rund um Kollwitzplatz und Mauerpark widmen sich Knaufs gerade erschienene Kiezkrimis „Berliner Weiße mit Schuss“ und „Der Golem von Prenzlauer Berg“. Letzteren stellt er am heutigen Donnerstag in der Bibliothek am Wassertrum vor.

Abgesehen von Rob Alefs bissigem Krimi „Kleine Biester“, der unter tödlich konkurrierenden Vorzeigeeltern in Kreuzberg und Prenzlauer Berg spielt, habe noch keiner die Idee gehabt, seriell Leute in Prenzlauer Berg zu ermorden, sagt Knauf. Ganz schön erstaunlich, wenn man sich die Berge von Berlin-Kriminalromanen – historischen wie heutigen – so anschaut, die gerade angeführt von Horst Evers’ „Der König von Berlin“ in den Buchhandlungen liegen.

Klein-klein sticht ja schon seit einigen Jahren im Regionalkrimi die weite Welt. Verkaufszahlen dieses Subgenres liegen dem Börsenverband des deutschen Buchhandels zwar keine vor, aber dass im Zuge der Wiederentdeckung von Heimat, Provinz und Nachbarschaft die lokalen Ermittler von der Ostsee bis zum Allgäu wie verrückt aus dem Boden sprießen, schlägt sich als zweite Welle sogar bis ins Fernsehprogramm nieder. Autoren und Verleger haben mitbekommen, dass sich die Morde in der Nachbarschaft prima mit pittoreskem Lokalkolorit und identifikationsförderndem Stadtteilwissen spicken lassen. In Berlin sind abgesehen von vielen Bezirken auch Mikrokosmen wie Südstern, Lietzensee, Jannowitzbrücke oder Ostbahnhof schon kiezkrimitechnisch erfasst.

Für ihn komme gar nichts anderes infrage, als über Prenzlauer Berg zu schreiben, sagt Thomas Knauf, der im Frühjahr bereits den nächsten Band rausbringt. „Ich wollte mir das Schreiben so einfach machen, wie möglich“, sagt er frank und frei. „Ich bin gelernter Drehbuchautor, die zeichnen sich nicht durch übergroße Fantasie aus: fabulieren und erfinden ist nicht so mein Ding.“ Eher recherchieren und Dialoge schreiben. Und von Berlin kenne er sonst kaum was. „In Spandau würde ich mich ja verlaufen.“

Geboren ist der 61 Jahre alte, an der Filmhochschule in Babelsberg ausgebildete ehemalige Szenarist der Defa zwar in Schkopau, aber seine erste Wohnung in der Metzer Straße hat er schon 1970 bezogen. „Als Hippie mit langen Haaren.“ Da sei der langsam zerbröselnde Prenzlauer Berg noch proletarisch besiedelt gewesen. Von einer DDR-Künstlerszene war erst in den 80ern was zu sehen. Nach der Wende hat Knauf, dessen von Michael Gwisdek inszenierter Film „Treffen in Travers“ 1989 in Cannes gefeiert wurde, sich dann erst mal davon gemacht. „Ich hatte vorher jeden Tag für das Ende der DDR gebetet, Ost-Berlin ziemlich satt und wollte die Welt sehen.“ Zehn Jahre hat er sich als Fernsehdrehbuchautor und Zeitungskorrespondent herumgetrieben, fünf davon in New York gelebt, eins in Jerusalem, auch länger in Rio, London und Paris. 2000 kehrte er dann nach Prenzlauer Berg – oder besser gesagt nach Hause zurück.

So wie seiner genretypisch klischierten Hauptfigur, dem melancholischen Ex-Kommissar John Klein, gefällt auch Thomas Knauf die Gegend jetzt besser als zu Ostzeiten. „Damals gab es nichts, weder Restaurants noch Kneipen, und die Häuser sehen jetzt auch besser aus.“ Nur dass die Galerie des Wasserturms, in der im von Pädophilen und orthodoxen Juden thematisch nicht gerade zimperlich bevölkerten „Golem von Prenzlauer Berg“ ein dramatischer Showdown stattfindet, inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglich ist, bedauert er.

Ob er mit seinen Krimis nicht nur Bücher verkaufen, sondern auch das Heimatgefühl von Großstädtern fördern will? Er sei kein Lokalpatriot, zuckt er die Achseln. „Das ist Unterhaltungsliteratur, aber wenn beim Lesen mehr Liebe zum Kiez entsteht, habe ich absolut nichts dagegen.“

Thomas Knauf: Der Golem von Prenzlauer Berg und Berliner Weiße mit Schuss, Bebra Verlag, je 9,95 Euro, Buchpremiere: Donnerstag 20 Uhr, Bibliothek am Wasserturm, Prenzlauer Allee 227, Eintritt frei

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben