Berlin : Der Mord an Gloria: Ottmar G. kannte die Adresse des Kindes

Holger Stark/ Hans Toeppen

Das Berliner Familiengericht hat im Fall der ermordeten Gloria G. offenbar zu Gunsten des Vaters entschieden, weil das Mädchen Sehnsucht nach ihrem Vater hatte. "Das Kind hängt an beiden Eltern", notierte die Richterin. Es sei "dringend notwendig, Kontakt zum Vater herzustellen". Gloria G. soll ihrem Vater bei dem Termin sogar "jubelnd um den Hals" gefallen sein, heißt es. Daraufhin entschied das Gericht, der Vater habe das Recht, seine Tochter ab dem 1. September zu sehen. Am gleichen Tag erstickte er sie - um seine Ex-Frau damit zu treffen, so seine Aussage. Bei der Justiz herrschte gestern eine gewisse Erleichterung, dass die Richterin keine Schuld an der Weitergabe der Adresse trägt und dass sie vor ihrer Entscheidung alle Beteiligten angehört hat.

Das einstweilige Rechtsschutzverfahren wirkt im Rückblick wie ein Musterfall aus der Praxis der Familiengerichte. Eltern können dort unmittelbar bei der Rechtsantragsstelle erscheinen und sich, wenn sie die Sache dringlich machen, auch gleich mit einem Richter vom Tagesdienst unterhalten. Dann werden Vater, Mutter, das umstrittene Kind und vielleicht auch noch Verwandte angehört. "Und dann muss man alle seine Sinne aufsperren", sagte gestern eine Familienrichterin zum Tagesspiegel. Bedeutungsvoll ist vor allem die Reaktion des Kindes. "Sagt einer, mein Kind will nicht zu dem anderen hin, aber das Kind klettert dem dann gleich auf den Schoß, dann fällt die Entscheidung leichter".

Am 30. August war Ottmar G. am Halleschen Ufer in Kreuzberg erschienen, um seinen Antrag beim Gericht abzugeben. Dort beschäftigte sich die Richterin Juliane W. mit ihm. Nach Angaben des Gerichts enthielt der Antrag damals bereits die Wohnanschrift von Iris und Gloria G. - die Mutter hatte zuvor vergeblich versucht, ihre Adresse geheim zu halten. Auf den Einwand der Richterin, für eine Entscheidung müssten auch Mutter und Kind gehört werden, nannte der Vater die Telefonnummer der Frau, die ihn Mitte August verlassen hatte. Im folgenden Telefonat erklärte sich die Mutter schließlich bereit, noch am gleichen Tag in dem Kreuzberger Gericht zu erscheinen.

Bei der anschließenden Anhörung brachten beide Eltern unterschiedliche Versionen vor. Die Mutter bat eindringlich darum, das Kind bei sich behalten zu dürfen, und nannte seine angebliche Gewalttätigkeit als Grund. Er schilderte sein Verhältnis zum Kind als gut. In dem Beschluss der Richterin heißt es: "Der Mutter wird vorläufig das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Gloria übertragen. Der Umgang des Vaters mit Gloria wird einstweilen dahingehend geregelt, dass der Vater berechtigt ist, Gloria am Freitag, den 1. September 2000 gegen 16 Uhr in der Wohnung der Mutter abzuholen und mit ihr zu seiner Schwester nach Templin zu fahren und sie am Sonntagmittag gegen 12 Uhr an der Wohnungstür zurückzugeben." Am Freitag holte Ottmar G. tatsächlich seine Tochter in der Wohnung in Hellersdorf ab. In den folgenden Stunden telefonierten die Eltern mehrmals miteinander. G. soll dabei gedroht haben, der Tochter etwas anzutun. Gegen 21 Uhr wurde Ottmar G. schließlich mit der toten Gloria im Kofferraum auf einer Autobahnraststätte gestellt.

Mitte August war die 34-Jährige mit ihrer Tochter aus der gemeinsamen Wohnung im bayerischen Altötting ausgezogen - unter Polizeischutz, weil sie Angst vor ihrem Mann hatte. Beim Einwohnermeldeamt ließ sie aus Angst um ihr Leben ihre Adresse sperren - wie Ottmar G. an die neue Adresse in Berlin kam, ist ungeklärt.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft prüft derzeit auch die Behauptung, "dass der Mann seine Frau in der Ehe vergewaltigt haben soll", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt / Oder, Christoph Schüler. Die Staatsanwatschaft will den Mord schnell vor Gericht bringen. Zurzeit sucht sie nach zwei Anglern, die Ottmar G. am Freitag am Sassenpfuhl in der Nähe von Althüttendorf gesehen haben könnten. "Wir gehen davon aus, dass der Tatort dort in der Nähe ist", sagte Schüler.

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