Berlin : Der Motte den Kehraus gemacht

In Friedenau fegen Mieterinnen gemeinsam Laub – die Kastanien sind hier noch grüner als anderswo

Annette Kögel

„Wir hatten genug davon. Immer rufen die Leute nach dem Staat. Wir dachten, wir nehmen das jetzt selbst in die Hand.“ Brigitte Duffett-Schöpflin stützt sich auf den Besen. Vor ihrem Wohnhaus in der Friedenauer Handjerystraße 38 rieseln die ersten welken Kastanienblätter zu Boden. „In diesem Jahr fegen wir wieder seit vier Wochen“, sagt die Gesamtschullehrerin. Gemeinsam mit einer Nachbarin hat die 51-Jährige vergangenes Jahr eine Fegegemeinschaft gegründet, als die durch Miniermotten verursachten Baumschäden erstmals in ganz Berlin augenscheinlich wurden. „Initiative Rettet unsere Kastanien – Friedenau“ lautete die Überschrift des Flugblattes, das die Friedenauerin an Bäume und Hauseingänge heftete. Damit fing alles an.

Auslöser der Bürgerinitiative im Kiez war ein Beitrag im Tagesspiegel vor einem Jahr. „In dem Artikel ,Motten treiben Kastanien zur letzten Blüte’ wird das Problem anschaulich beschrieben“, ist auf dem Flugblatt zu lesen. „Viel weniger klar ist, was man gegen den Befall der Bäume unternehmen kann“, steht da noch. Diese Informationen besorgten sich Brigitte Duffett-Schöpflin und Jacqueline Ostermann aus der Handjerystraße 42 selbst. „Wir haben an Parteien geschrieben, aber das Grünflächenamt war der einzige Adressat, der sofort antwortete.“ So holten sich die Frauen Besen und Laubsäcke; sie gab die BSR letztes Jahr noch gratis aus.

„Unsere Initiative muss man sich nicht vorstellen wie eine Stammtischrunde. Wir haben uns anfangs zwar in der Kneipe getroffen, aber sonst kümmert sich jeder selbstständig um die Bäume vor der Tür“, sagt Cathrin Klinger, 38, aus der Handjerystraße 39: einmal pro Woche fegen, Erde auflockern, und auch mal gießen. Als die freiwilligen Feger zum ersten Mal zum Besen griffen, „stoben regelrechte Wolken von Motten auf“, erinnert sich Frau Duffett-Schöpflin. Auch jetzt fliegen die rund vier Millimeter kleinen Fraßschädlinge hoch, wenn man sich einem Baum nähert. Doch läuft man die Straße entlang, über den Renée-Sintenis-Platz hinaus, sieht man, dass die Blätter dort stärker geschädigt sind, wo nicht gefegt wurde. Schließlich kamen hier nicht 4000 Larven pro Kilo – bis zu 250 verpuppte Larven pro Blatt – ab in den Sack und auf den Kompost.

„Jedes Blatt, das aufgesammelt wird, hilft“, sagt Miniermotten-Experte Hartmut Balder, stellvertretender Leiter des Pflanzenschutzamtes. Er bereitet mit der Stadtentwicklungsverwaltung eine berlinweite Sammelaktion für Ende Oktober vor. Ende Oktober? „Die Bäume werden durch die Schädigung im Herbst wieder blühen“, sagt Balder. Frisches Grün, frischer Fraß – und dieser letzten Mottengeneration müsse der Kehraus gemacht werden, damit sie nicht überwintert. Bei der BSR „setzen Mitarbeiter schon den Fokus auf Kastanienlaub“, sagt Sprecher Bernd Müller.

Wie in der Handjerystraße. Und doch, zwei Bäume sehen kläglich aus: verkümmerte Triebe, kaum Blätter. Die Kastanien sind wohl dem Verticillium-Pilz zum Opfer gefallen, sagt Balder. Denn jetzt setzt auch der Pilz den durch die Motten geschwächten Kastanien in Berlin mehr zu als früher.

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