• Der Neuköllner Bürgermeister und Hobby-Prediger in seinem Element - als Vorleser einer Weihnachtsgeschichte

Berlin : Der Neuköllner Bürgermeister und Hobby-Prediger in seinem Element - als Vorleser einer Weihnachtsgeschichte

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Glockenhelle Stimmen erfüllen die Gropiuspassagen. Die Aufregung der Kinder ist kaum zu bändigen, die sich vor dem riesigen Tannenbaum im Einkaufszentrum eingefunden haben. Plötzlich geht ein Raunen durch die Reihen. Es gilt nicht dem Weihnachtsmann - der wird für später erwartet -, sondern Bezirksbürgermeister Bodo Manegold (CDU), der seiner jungen Zuhörerschaft die Weihnachtsgeschichte vorlesen will.

Zwischen Woolworth und Body-Shop sitzt also Neuköllns "berühmtester Mann" - so die Moderatorin - auf einer Bühne im Schaukelstuhl, in Weste, mit leicht geröteten Wangen, Vollbart und Lesebrille. Das "alte Buch" auf dem Schoß, trägt er vor: "Vor vielen, vielen Jahren, als ein Mann und eine Frau bei Dunkelheit unterwegs waren..." Dabei kauern die Drei- bis Sechsjährigen auf dem Boden und lauschen andächtig. Während die Kinder Beifall spenden befördert die Rolltreppe dick angezogene Passanten ins Parterre, deren Gesichtsausdruck von griesgrämig auf "ach wie süß" umspringt.

Der Auftritt ist nicht außergewöhnlich für den 51-Jährigen Maschinenbau-Professor Manegold. Er macht das jedes Jahr und ist nebenbei Prediger der Evangelischen Kirche: allein drei Messen liest Manegold zu Weihnachten. Allerdings stiehlt ihm der Weihnachtsmann später die Schau: Als es ans Geschenkeverteilen geht, gibt es kein Halten: Alle schreien "Ich, ich, ich", als der Mann in Rot fragt, wer denn ein Geschenk verdient hat. Aber mit der Gegenleistung in Versform will es nicht so recht klappen: Vier "O Tannebaum..."-Gedichte folgen, zum Teil in Kurzform. Ein Steppke möchte gar nichts beitragen. Das reicht immerhin für einen Schokoriegel.

Der Bürgermeister ist inzwischen schon wieder durch die verschneite Gropiusstadt entschwunden: Einer 104-Jährigen gratulieren, einen Adventsmarkt eröffnen, und zum Gemeindekirchenrat will er noch an diesem Tag. Dazwischen liegt noch ein Gespräch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung - verglichen mit den anderen Verabredungen ein unchristlicher Termin.

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