Berlin : Der Norweger zu Gast im Literarischen Colloquium Berlin

Raim,Wolfert

Hoch droben im äußersten Norden Europas, am Rande des Eismeers, liegt die kleine Insel Makkaur: ein schroffes Stück Erde, das wie ein letztes Bollwerk der Zivilisation dem Wind und dem Meer trotzt. Doch allen Härten zum Trotz ist die Insel den Menschen, die sich hier festgekrallt haben, längst zu einem Garten Eden geworden - der allerdings dem Untergang geweiht ist. Denn der Legende nach soll Makkaur einst für ewig in den Fluten des Eismeers versinken.

Auch Armand spürt schon als Kind, dass ihn eine große Liebe für alles ringsum erfüllt. Trotzdem ist er oft allein und isoliert. Er ist ein stiller Beobachter seiner Mitmenschen, von denen ihn das Rätsel seiner Herkunft trennt. Seine Mutter ist spurlos verschwunden, seit er zwei Jahre alt war. Doch ist sie wirklich ertrunken? Oder hat sie Makkaur, ihren Mann und ihn eines schönen Tages einfach nur verlassen? Was Armand auch anstellt, um mehr über sie zu erfahren, er kommt dem Rätsel nicht auf die Spur. Sein Vater, der Inselarzt, hüllt sich in vieldeutiges Schweigen und widmet sich monomanisch seiner Vision eines unterseeischen Tunnels, der Makkaur mit dem Festland verbinden soll. Die einzigen, bei denen Armand noch Hilfe suchen kann, sind der nordlichtbegeisterte Inselkommandant, der grüblerische Apotheker Zagorsky und die beiden verschrobenen Großtanten Ruth und Karen - und dann ist da noch der gleichaltrige Bork, doch ist er nicht nur stumm, der mehrfach behinderte Junge scheint auch aus einer anderen Welt zu sein. Jahre später aber, als Armand nach Makkaur zurückkehrt, ist gerade Bork der erste, an den er denken muss und der die Erzählung ins Rollen bringt.

Vetle Lid Larssens opulenter Roman "Ein anderes Leben" (DVA, 39,80 Mark) ist ein vielschichtiges Buch über die Erfüllung spendenden Wendungen des Lebens: die Heimkehr und die Überwindung des Verlusts. Doch im gleichen Maße, wie die phantastische Insel Makkaur in dem Buch von eisigen Winden und dem rauhen Meer umtost wird, erzählt der 1960 geborene Norweger die Geschichte seines einsamen Helden aus einer Retrospektive, bei der zahllose Eindrücke und Erinnerungen als Strandgut den Kern der Erzählung nur umspülen. Hier finden sich Perlen der Erzählkunst, im Stil des magischen Realismus ins Mythische überhöht, aber auch Staffage und Blendwerk. Offensichtlich hat der Autor seiner Fabulierfreude beim Schreiben freien Lauf gelassen und sich ohne Selbstbeschränkung der uferlosen Phantasie hingegeben. Die Suche nach den Bausteinen, nach denen der Leser das Gesamtgefüge des dargestellten Lebens zusammensetzen kann, erweist sich streckenweise als schwierig. Angesichts der Fülle von Einfällen, ornamentalen Schnörkeln und detailverliebtem Beiwerk ist man sich bis ganz zuletzt nicht sicher, den roten Faden auch wirklich in der Hand zu halten.

Die Wahrheit ist, sagt Armands Freund, der Inselkommandant, "dass wir wie die kleinen Kügelchen in einem Geschicklichkeitsspiel hierhin und dahin purzeln. Alles hängt miteinander zusammen, aber völlig sinnlos und planlos. Kein Schicksal. Kein Gott. Kein überirdisches Bewusstsein, das alles lenkt. Wir sind Stäubchen, die ins Leben hineingepustet werden und dann wieder hinaus." Vetle Lid Larssen hat mit seinem Buch keinen geringeren Versuch unternommen, als zu beschreiben, was das Leben ist: "Dies ist das Leben, doch deine Gedanken halten sich nicht weiter damit auf. Du verlagerst dein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Die kalte Luft erfrischt dich, vertreibt die Müdigkeit. Vielleicht denkst du, du solltest diese Reise noch einmal unternehmen. Wenn du groß bist. Wenn du reich bist. In einer anderen Zeit. Aber das wird nie geschehen."Vetle Lid Larssen liest heute Abend um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin in der Reihe "Mehr vom Meer" aus seinem Buch.

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