Berlin : Der Notfall ist oft nur vorgetäuscht

Verdacht auf Abrechnungsbetrug: Krankenkassen ermitteln gegen Rettungsdienste und Krankentransportfirmen

Ingo Bach

Berliner Krankenkassen ermitteln gegen Rettungsdienste und Krankentransportfirmen, weil sie Abrechnungsbetrügereien vermuten. „Wir haben eine ganze Reihe konkreter Hinweise, dass im Bereich der Krankentransporte und Rettungseinsätze manipuliert wird“, sagt Andreas Kniesche, Sprecher der Berliner Ersatzkassen, zu denen unter anderem die Barmer und die Techniker-Krankenkasse gehören. Seit einiger Zeit schon sei der „Arbeitskreis Abrechnungsmanipulationen“ solchen Betrügereien in Berlin auf der Spur. Konkreter will der Sprecher jedoch nicht werden, um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden.

Nach Tagesspiegel-Informationen handelt es sich dabei zum Beispiel um einen privaten Krankentransport-Unternehmer, der Fahrten abrechnete, die er gar nicht durchgeführt hatte. Der Unternehmer habe vor wenigen Tagen eine Vertragsstrafe in Höhe von mehreren tausend Euro akzeptiert, heißt es.

Lukrativ sind aber weniger die normalen Krankentransporte, sondern die teuren Rettungseinsätze. Während die Kassen für die Krankentransporte 48 Euro zahlen, müssen sie für einen Rettungseinsatz mit Notarzt bis zu 672 Euro berappen. Ohne Notarzt sind es 280 Euro. Den Kassen-Ermittlern sind nun Rettungseinsätze aufgefallen, für die überhöhte Preise in Rechnung gestellt wurden, obwohl es sich um normale Krankentransporte gehandelt habe.

Rettungseinsätze dürfen in Berlin nur die Feuerwehr und die Hilfsorganisationen – wie DRK oder Johanniter – fahren. Bei einem solchen Einsatz muss Gefahr für Leib und Leben des Opfers bestehen oder von bleibenden gesundheitlichen Schäden. 2002 fuhr die Feuerwehr in Berlin 224000 Rettungseinsätze. Nun schätzen selbst Feuerwehrinsider, dass davon bis zu 70 Prozent keine echten Notfälle sind. Oft alarmierten zum Beispiel Menschen den Rettungswagen, die sich einen Finger brachen oder Sozialhilfeempfänger, die in die Klinik müssen aber kein Geld für das U-Bahn-Ticket haben. Auch in der AOK Berlin klagt man über falsche Abrechnungen von Rettungseinsätzen. Aber aus den Abrechnungsdaten könne man die Art des Einsatzes im Nachhinein rekonstruieren – und zahle dann auch nicht den höheren Preis, heißt es bei der AOK.

„Es mag Grenzfälle geben“, sagt auch Hans-Joachim Völz, Referatsleiter Feuerwehr und Rettungswesen in der Senatsinnenverwaltung. Auch wenn man in der Verwaltung die Zahl von 70 Prozent an Fahrten für keine echten Notfälle für weit überhöht hält. „Was soll die Besatzung machen, wenn sie die Leitstelle zu einem Notfall schickt?“ Denn die Entscheidung über die Art des Einsatzes treffe der Disponent – und das müsse er aufgrund der dürftigen Informationen eines oft nervösen Anrufers tun, der manchmal nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sei.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar