• Der östliche Speckgürtel leidet unter Vorurteilen - Ein Ausgleich erfolgt jedoch durch Zuzüge aus Berlin

Berlin : Der östliche Speckgürtel leidet unter Vorurteilen - Ein Ausgleich erfolgt jedoch durch Zuzüge aus Berlin

Claus-Dieter Steyer

Durch das Berliner Umland geht ein scharfer Schnitt. Denn die von allen Landkreisen und den meisten Gemeinden umworbenen Bonner Beamten, Angehörigen der vielen Wirtschaftsverbände und Beschäftigten der bisher am Rhein residierenden Botschaften haben sich klar entschieden: Sie zogen in den Westen, in den Südwesten und den Nordwesten des so genannten Speckgürtels. Die östlich Berlins gelegenen Gemeinden dagegen gingen größtenteils leer aus. "Uns fehlt es am Bekanntheitsgrad", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Mathias Schubert, dessen Wahlkreis sich von der Großstadtgrenze bis hinter Fürstenwalde erstreckt. "Es gibt noch zu viele Vorbehalte gegenüber dem Namen Ostbrandenburg. Viele Umzugswillige haben eine völlig falsche Vorstellung von den Entfernungen." Dabei brauche er von Fürstenwalde bis zum Reichstag nur 25 Minuten. "Mit dem Zug, wohlbemerkt", sagt Schubert.

Dieser Vorzug muss an den Bonnern tatsächlich vorbeigegangen sein. Denn laut der jüngsten Zählung des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik zogen von Januar bis September vergangenen Jahres zwar 1209 Menschen aus Bonn und dem Umland in den Speckgürtel, doch mehr als drei Viertel von ihnen ließen sich in den an die westlichen Berliner Bezirke angrenzenden Kreisen nieder. Spitzenreiter waren Potsdam-Mittelmark (267 Zuzüge), Havelland (235), Oberhavel (190) Potsdam (121) und Teltow-Fläming (115). Als Hochburg für die Bonner erwies sich Falkensee mit allein 160 Zuzüglern. Die Stadt an der Grenze zu Spandau verwies in dieser Statistik sogar Kleinmachnow auf den zweiten Rang, denn der Vorort verzeichnete im genannten Zeitraum "nur" 149 Anmeldungen aus Bonn und Umgebung. Auffällig ist die Entwicklung im ehemals unbedeutenden Dorf Brieselang am westlichen Berliner Autobahnring. Mehrere Neubauviertel zogen neben einigen hundert Berlinern auch 50 "Alt-Bonner" an.

Wer nach den Ursachen der einseitigen Verteilung fragt, erhält meist immer die gleichen Antworten. Sie seien eben auf den ersten Erkundigungen vom Rheinland nach Berlin ganz natürlich zuerst in den Westen gekommen, sagt die eine Familie. Eine andere wollte ihren Verwandten und Bekannten bei einem Besuch die Fahrt durch Berlin in das östliche Umland ersparen und habe sich deshalb beispielsweise für Falkensee entschieden. "Bei uns war es ganz einfach der Herdentrieb", meinte eine junge Frau in einem neuen Reihenhaus im Hennigsdorfer Ortsteil Nieder Neuendorf. "Fast die ganze Abteilung unseres Bundesamtes zog hierher. Auf das östliche Umland angesprochen, zuckten die meisten befragten Neu-Brandenburger mit den Schultern. "Kennen wir nicht" oder "Wir wissen gar nicht, wie man da hinkommt", hieß es allenthalben. Der Bundestagsabgeordnete Mathias Schubert will das Defizit nicht länger hinnehmen und bläst zur Offensive: "Die Zeit seit dem Regierungsumzug hat gezeigt, dass eine Teilung der Ministerien zwischen Berlin und Bonn auf Dauer die Effizienz der Arbeit behindert." Noch in diesem Jahrzehnt rechne er deshalb mit einem kompletten Wechsel aller in Bonn verbliebenen Behörden an die Spree. "Das ist die Chance für unsere östlichen Gebiete. Da müssen sich die Orte einfach als lohnenswerte Wohngebiete anbieten."

Helfen soll dabei eine Informationsbroschüre unter dem schönen Titel "Zu Hause an Wäldern und Seen". In nunmehr dritter Auflage findet der Nutzer alles über die Region zwischen Altlandsberg und Woltersdorf. Von den Verkehrsverbindungen über Schuladressen, Grundstückspreisen und Krankenhausbetten bis hin zu Ansprechpartnern in den Orten sind viele Fakten zusammengetragen worden. Schubert, auf dessen Idee die Broschüre zurückgeht, will das Werk bei allen möglichen Gelegenheiten verteilen, um so Vorurteile gegenüber dem östlichen Gebieten auszuräumen.

Tatsächlich findet der Reisende kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen des Speckgürtels. Der Osten und Südosten bietet durch den Wasserreichtum sogar noch mehr landschaftliche Reize. Deshalb gehören Schöneiche, Woltersdorf, Rüdersdorf sowie die S-Bahn-Gemeinden Neuenhagen oder Dahlwitz-Hoppegarten zu den eher bevorzugten Wohngebieten. Auch wenn die Zuzügler nicht vorrangig aus Bonn und Umgebung kommen, sind die meisten Wohnungen und Häuser in den neuen Viertel verkauft oder vermietet. Die meisten Neuen kommen aus Berlin. Landtagsabgeordneter Jürgen Vogelsänger hat da eine interessante Entdeckung gemacht: "Viele Menschen aus Hellersdorf und Marzahn kommen wieder aufs Land zurück. Sie konnten zu DDR-Zeiten in ihren Heimatdörfern nicht bauen oder keine neue Wohnung beziehen und nutzen jetzt die neuen Möglichkeiten."

So gesehen, fällt die recht einseitige Verteilung der Bonner aufs Umland gar nicht auf. Denn die zwischen Januar und September 1999 umgezogen 1209 Menschen vom Rhein machten nur ganze drei Prozent der gesamten Zuzüge in den Speckgürtel aus.Die neue Broschüre "Zu Hause an Wäldern und Seen" gibt es beim Verlag Schöneiche Konkret, Tel. 030/64 19 00 20 oder 030/6 49 83 41.

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