Berlin : Der orientalische Kaiser

Teppich mit einem Porträt von WilhelmII. kostet 49 000 Euro

Frauke Herweg

Tasten, fühlen, streicheln. Montagmittags um halb zwölf ist der Ausstellungspavillon für Orientteppiche im Entree des KaDeWe gut besucht. Meist ältere Damen und Herren flanieren zwischen Teppich-Stapeln, begutachten Muster, prüfen Knoten. Vor einem Werk an der Wand des Pavillons bleiben sie irritiert stehen: Umkränzt von Zierbordüren blickt Kaiser Wilhelm II. auf sie herab. „Oh Gott“, sagt eine Frau. „Den will doch keiner wiederhaben.“

Der Teppich mit dem fast lebensgroßen Kaiser, genauer mit seiner orientalischen Version in Pluderhosen, zusammengewachsenen Augenbrauen und tiefschwarzem Haar – er ist Blickfang und Anlass zum Kopfschütteln zugleich. Teppichkenner honorieren die feine Seide und die hohe Knotenzahl des rund 100 Jahre alten Stücks. In ihrem eigenen Wohnzimmer würden sie den Kaiser jedoch nicht sehen wollen. „Wunderbare Handarbeit“, sagt eine Besucherin, die selbst so manches edle Stück gesammelt hat. Aber dieses historische Motiv? „Nein“, sagt sie. „Ich lebe im Heute.“ Auch der Preis des seltenen Teppichs ist beeindruckend. „49 000 Euro“, flüstert eine ältere Dame überrascht. Der Kaiser-Wilhelm-Teppich ist jedoch nicht das wertvollste Stück. Der teuerste Teppich der Ausstellung kostet 110 000 Euro. Für Verkäufer Ingo Langer ist der Kauf des Kaiserporträts deshalb allenfalls eine Geschmacks-, nicht aber eine Geldfrage. „Vor zwei bis drei Jahren hätten Sie für diesen Teppich noch das Doppelte bezahlt“, sagt er. Zwar hat sich bislang noch niemand ernsthaft für des Kaisers Konterfei interessiert. KaDeWe-Sprecherin Dagmar Flade ist guten Mutes, dass sich ein Käufer findet. Die Ausstellung dauert bis 15. März. Der Hamburger Sachverständige für Orientteppiche, Detlev Werth, ist von dem raren Kaiserporträt begeistert. Zwar seien Porträts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „unter Adligen sehr schick“ gewesen. Doch nur wenige Porträts wurden geknüpft: „Gegenständliche Abbildungen sind für Moslems schließlich verboten.“ Werth kennt außer dem in Berlin ausgestellten Porträt nur ein weiteres.

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