Berlin : Der Osten überholt (Glosse)

Lothar Heinke

Die so berühmte wie bescheidene Forderung Walter Ulbrichts, dass der Osten die komplette Wirtschaft des Westens schleunigst überholen müsse, ohne sie einzuholen, war dazumal ein großer Lacherfolg. Abgesehen von der technischen Unmöglichkeit des Vorgangs hielten sich Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der DDR-Wirtschaft in solch engen Grenzen, dass das Wort des Staatsratsvorsitzenden nurmehr als Witz, aber kaum als Aufforderung verstanden werden konnte. Ein Blick ins westliche Werbefernsehen und ein zweiter in die Regale des HO-Ladens an der Ecke sagten mehr als Ulbrichts Worte, und so verschwand der Slogan von der politischen Bühne und aus dem Polit-Repertoire, blieb aber unvergessen an Stammtischen oder wo immer auf das Leben und Treiben in der "Ehemaligen" Rückschau gehalten wird.

Aber nun, was ist plötzlich los? Zehn Jahre nach der Wende bekommt die graue Theorie des SED-Chefs eine neue Bedeutung, ist inhaltsschwer, ja, im Begriff, zur materiellen Gewalt zu werden, die Massen zu ergreifen und sie zu aktivieren, ihre Schritte in Richtung Alexanderplatz zu lenken. Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung: Während im Osten pfiffige Kerlchen immer neue Schnapsideen haben, um am heiligen siebten Tag die Einkaufsschleusen zu öffnen (auf dass der Rubel aus den Taschen der Werktätigen in die kapitalistischen Kassen rolle), bleiben die Tore der Kathedralen des Konsums im Westen geschlossen. Hat das etwas mit Atheismus zu tun? Mit Mangel an Kenntnis vom Grundgesetz? Oder nur mit dem Tanz ums goldene Kalb? Die Einheit ist vollzogen und die am Alex haben gut gelernt. Sie waren einfach mal so, wie sie immer sein sollten: flexibel.

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