Berlin : Der Papierberg ruft

Dirk Bernhardt hat eine Idee aus der DDR recycelt. Jetzt bekommen Berliner Bares für alte Zeitungen

Stefan Jacobs

Die Papierbank residiert, wo sonst keine Bank hinzieht: an der Spree jenseits des Ostbahnhofes, wo Kreuzberg noch richtig verrumpelt aussieht und nach Anarchie riecht. Auf einem Hafengelände am Ufer türmen sich übermannshohe Stapel aus Zeitungen, Prospekten, Pappen. Lastwagen kommen und werden gleich im Ganzen gewogen, Privatleute werfen ihre zusammengeschnürten Bündel auf eine Paketwaage. Ein Stapler räumt Container umher, junge Männer wühlen sich mit Handschuhen durch die Bündel, um Fremdkörper herauszufischen. Der Betrieb ähnelt einem konventionellen Recyclinghof. Aber er ist anders, denn hier verdienen alle. Auch die Kunden.

Ende 2004, als es den DDR-Altstoffhändler nicht mehr gab, erfand der Wessi Dirk Bernhardt die Papierbank. Er stellte zwei Container nahe dem Alex auf und lud die Anwohner via Werbezettel ein, sich registrieren zu lassen und ihre mit Kundennummer versehenen Altpapierstapel einzuwerfen, um später ein paar Cent dafür zu bekommen. Beim ersten Mal war die Tonne nach vier Wochen voll, dann nach zwei, darauf nach einer, und bald musste sie alle drei Tage geleert werden. Bernhardt begann zu expandieren, gewann Zeitungsläden als Partner für die Papierrücknahme. Den Leuten im Osten brauchte er das System nicht lange zu erklären, denn die kannten es von früher. Damals brachte man sein Altpapier plus Flaschen und Gläser zur nächsten Sero-Annahmestelle, wobei Sero für „Sekundärrohstofferfassung“ stand. Oder man überließ es Schülern, die damit ihr Taschengeld beträchtlich aufbesserten: Bis zu 30 Pfennig gab es für ein Kilo Papier.

Während sich die Papierbank-Kunden Ost freuten, nach dem grünen Abbiegepfeil auch das Sero-System lebend wiederzusehen, paarte sich bei den Westkunden das grüne Gewissen mit Sparsamkeit: Sie brachten ihr Papier zur Bank statt in die eigene Tonne – und bekamen Geld dafür, statt etwas zu bezahlen. Bald drohte die Papierbank an ihrem Erfolg zu scheitern, denn die Zeitungsläden erstickten in Papierbergen. Also stellte Bernhardt das Rücknahmesystem vor allem auf Tankstellen um, die mehr Platz für Container und die Abhollastwagen hatten. Nebenbei baute er eigene Annahmestellen auf. „Unser Ziel ist eine große Annahmestelle in jedem Bezirk“, sagt Bernhardt und nennt die Wachstumszahlen: Nach etwa 2400 Tonnen im Vorjahr werde man in diesem Jahr rund 7000 Tonnen annehmen; im kommenden sollen es mehr als 10 000 Tonnen sein. „Wir schätzen das Potenzial auf zehn Prozent der Bevölkerung, die mitmachen würden.“ Allein die Partnerschaft mit mehr als 200 Kitas und Schulen erschließe rund 60 000 vorwiegend junge Kunden – und helfe bei der Finanzierung mancher Klassenfahrt. Für die neuen Annahmestellen erwägt er ein Franchise-System, wie es etwa bei Bäckern und Blumenläden üblich ist.

Die Preise reichen je nach Papierqualität von 1,5 bis acht Cent pro Kilo, Großkunden bekommen Sonderkonditionen, für Kartons und Pappen gibt es nichts. Bald sollen der eigene Kontostand online abrufbar und die bisher einfach per Stift aufgeschriebene Kundennummer betrugssicher sein.

Natürlich profitiert Bernhardt auch. Papierfabriken bezahlen nach Auskunft des Wirtschaftsdienstes Euwid für eine Tonne Altpapier je nach Sorte etwa 50 bis 100 Euro, also fünf bis zehn Cent pro Kilo. Bernhardt überlegt, ob er das Geschäft auf andere Stoffe erweitert: Plastikfolien würden sich eignen. Auch die aus hochwertigem Polycarbonat bestehenden CDs und DVDs sind eigentlich viel zu schade zum Wegwerfen. Der Handel mit Glas lohne dagegen kaum. Aber als studierter Experte für Logistik und Verwaltung weiß Bernhardt, dass sich statt des Sortiments auch der Aktionsradius erweitern lässt: „Ich will der Konkurrenz ja keine Angst machen“, sagt er, „aber wenn’s in Berlin funktioniert, funktioniert es überall.“

Infos und Anmeldung telefonisch: (030) 29 77 3 7 76, online: www.papierbank.de

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