Berlin : Der Pappkamerad

Der Trabi läuft und läuft und läuft. Die Berliner Freunde des Zweitakt-Mobils feiern ein Festival in der Wuhlheide

Annette Kögel

Trabis sind nicht zu bremsen. Es genügt nicht, das Pedal wie beim eigenen Wagen locker mit der Schuhsohle anzutippen. Nein, wer so eine Original-Rennpappe mit ihren 26 PS stoppen will, muss schon Körpereinsatz bringen. „Da müssen Sie richtig reinlatschen“, empfiehlt Eigentümer Franz Pärschke auf dem Beifahrersitz. Jetzt war der Tritt aufs Bremspedal aber zu heftig: Eine Schippe hat sich aus der Baumaterialladung auf dem Kombi-Dachträger gelöst und ist bis vor die Frontscheibe gerutscht.

Mit einem Trabi wird es eben nie langweilig. Deswegen nennen ihn Männer wie Pärschke liebevoll „Stinker“ oder „Nuckelpinne“ und schließen sich Liebhaber-Vereinen wie dem Trabant-Club Berlin an. Den einzigen verbliebenen Trabi-Verein der Hauptstadt gibt es jetzt zehn Jahre, sagt der stellvertretende Vorsitzende Michael Kaiser. Er freut sich über die „55 Mitglieder im Club, inklusive der Puhdys“. Tendenz: aufsteigend, wie der blauweiße Qualm aus dem Auspuff. Denn die Abgase genügen auch ohne Katalysator den ASU-Bestimmungen. Und so ein Duroplast-Zweitakter mit trotzigem Retro-Flair ist schon ab 300 Euro zu kriegen. Besitzt man dann noch ein paar Schraubenschlüssel, die man praktischerweise gleich in einem Kästchen im Motorraum deponieren kann, läuft und läuft und läuft das Ding. Gemäß dem Filmmotto: Go, Trabi, go.

Das erste Gefährt mit dem Sachsenring-Logo auf der Motorhaube lief in Zwickau am 7. November 1957 zum 40. Jahrestag der Revolution in Russland vom Band. Nachdem die Sowjets den ersten Sputnik ins All geschossen hatten, war auch der Name beschlossene Sache: Trabant. Bis zum finalen Fertigungstag am 30. April 1991 verließen über drei Millionen das Werk.

Heute sind in Flensburg noch 124 459 Wagen registriert, davon 22 492 in Brandenburg und 3477 in Berlin. „Jetzt kommen Topwagen nach, wie neu, aus Scheunen und Garagen“, freut sich Club-Vertreter Michael Kaiser. Auch er ist stolz auf sein Vehikel: Baujahr 1967, mit diesem leicht morbiden Duft eines Trödelladens. 8225 Mark der DDR hat der Vorbesitzer einst beim staatlichen Autohandel auf den Tisch gelegt. Wie sich die Farbe nennt? „Mausgrau“, sagt Kaiser voller Ernst. Dann muss er grinsen. „Den Witz kennen Sie doch? Der Trabi ist das leiseste Auto der Welt, weil sie die Knie immer an den Ohren haben.“ Der Trabant-Club-Berlin will die Fahrzeuge möglichst originalgetreu bewahren. Anders als junge Kultkäufer mit Breitreifen-Geprotze, die die Pappe mit Farbe aufpeppen wie einst Stardesigner Colani.

Schließlich sind die Trabi-Pioniere wie der 71-jährige Autoliebhaber Horst Bansemer „damals mit 110 Sachen volle Pulle 3000 Kilometer in die Tatra und zurück“, mit der Familie sowie Konserven und Kerzen fürs Ferienhaus an Bord. Das verbindet. Im gletschereisblauen Kombi von Franz Pärschke erinnert der Wahlaufkleber „Wir sind ein Volk. CDU“ im Motorraum an Nachwendezeiten.

Während Alt-Trabi-Fahrer wie er auf Berlins Straßen oft geschnitten und verlacht werden, erntet der 59-jährige Eberhard Brix aus Neukölln bewundernde Blicke. Sein Cabrio-Umbau besitzt sogar Drehzahlmesser und Tankanzeige. Die Lenkradschaltung reagiert auf zwei Finger. Aber die Bremsen. . .!

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