Berlin : Der penible Wörtlichnehmer wird 80

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Staengel muss er nicht heißen, obwohl seine 1997 geäußerte „berechtigte Hoffnung, dass die unsägliche Rechtschreibereform noch gekippt wird“ fehlschlug. Einen „Daenkfehler“ nannte sie Hansgeorg Stengel. Denken komme doch von Gedanken. Er heiße demnach Staengel, komme doch Stengel von Stange, spielte er auf „Die feine stenglische Art“ an – so hieß 1976 eines seiner Bücher. Seinen Ruf als Kabarettist, Humorist, Journalist, Satiriker, Kinderbuchautor, Sprachkritiker und Vortragskünstler begründete er in frühen DDR-Zeiten – seit 1951 treibt der vogtländische Stengel aus Greiz kräftige Blüten in Berlin. Hier fühlt er sich vor allem dem Ostteil zugehörig, obwohl er seine Marzahner Wohnung im Jahr 1995 gegen eine neue Adresse in Reinickendorf tauschte. Aus Liebe, seine Frau hatte eine Phobie gegen den Lift in die 21. Etage entwickelt.

Seinen heutigen 80. Geburtstag feiert er aber im Osten der Stadt, besser gesagt in der Mitte Berlins und an einer ihrer feinsten Adressen. Wie schon zum „75.“ hat der Eulenspiegelverlag seinem Hausautoren auch dieses Mal im Palais Am Festungsgraben einen Geburtstagsempfang ausgerichtet – Freunde und Kollegen wie Heinz Florian Oertel, André Brie, Jochen Petersdorf, Dagmar Gelbke und Ernst Röhl wollen dort dem wohl dienstältesten Kabarettisten Deutschlands zu seinem 80. Wiegenfest gratulieren. Ein Präsent hat er schon – sein 50. Buch. Dass der Mann mit der beachtlichen Nase auch damit den richtigen Riecher hatte, zeigte sich vergangene Woche zur Premiere von „Dicht an dicht: sämtliche Gedichte“. So heißt die Stengelsche Werkschau aus über 50 Jahren.

Wetten, dass der penible „Wörtlichnehmer“, dem der Eulenspiegelverlag einen leichten Hang zur Oberlehrerhaftigkeit attestiert, auch mit seinem 50. „Kind“ auf Vorlesetour geht, wie schon jahrzehntelang vorher „Mit Stengelszungen“, „Frühling, Sommer, Herbst und Kinder“, „Stenglish for You“, „Mit Stengelsgeduld“ und wie seine 50 Bücher noch so alles heißen. 80 000 Auto-Kilometer ist „der Gebrauchsdichter“ – so nennt er sich – zwar nicht mehr jährlich zu seinem Publikum unterwegs. Immerhin 30 000 schafft er aber noch heute locker – und schreiben will er auch noch. „Von mir kommt noch was“, verkündete er jüngst – Stenglisches natürlich. hema

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