Berlin : Der Pennäler als Packesel

Der Ranzen ist zu voll: Eine Ausstellung im Museum Kindheit und Jugend beschreibt historische und moderne Schulwege

Andreas Conrad

Im Jahre 1896 gab die preußische Schulbehörde den ihr unterstellten Lehranstalten einen fürsorglichen Ministerialerlass zur Kenntnis. Es wurde empfohlen, die Schüler nicht jeden Tag all ihre Lernutensilien buckeln zu lassen. Nur die jeweils benötigten Bücher seien mitzubringen und besonders schwere tunlichst in der Schule aufzubewahren. Denn mancher Ranzen, so lehrte die Erfahrung, wog schwer wie Blei und drohte die jungen Knochen zu verformen.

Der Erlass zeigte allenfalls kurzfristige Wirkung, das Problem aber blieb. „Schulwege“ heißt eine Ausstellung, die am 14. August im Museum Kindheit und Jugend eröffnet wird, wenige Tage vor dem Beginn des neuen Schuljahres. Vorbereitend waren Messungen an Schultaschen vorgenommen worden, vielleicht kein repräsentativer Test, aber die Linie ist eindeutig: zu schwer. Das durchschnittliche Gewicht der Ranzen betrug 6,2 Kilo, der schwerste wog sogar 9,1 Kilo. Den Schülern sei die Problematik der permanenten Überlastung „kaum bewusst“, befanden die Ausstellungsmacher, verwiesen auf die „durch zu große Lasten verursachte Einschränkung der Bewegungsfreiheit“ und „mögliche Folgen (Verkrümmungen der Wirbelsäule und Verformungen der Füße)“. Das Tragen der schweren Schultasche werde als „unabdingbare Anforderung des Schulbesuchs akzeptiert“, vielfach würden für den Unterricht völlig überflüssige Dinge transportiert.

Die Ausstellung beschreibt mit Dokumenten, Erinnerungen, Ranzen, Brottaschen und anderem Zubehör die Schulwege der Vergangenheit und schlägt den Bogen zur Gegenwart des Berliner Schulalltags. Dazu gibt es eine Fotoreportage von Volker Döring, zudem wurden Schüler von zwei 5. Klassen der Charlotte-Salomon- und der Edgar-EndeGrundschule sowie einer 7. Klasse der Realschule der Königin-Luise-Stiftung nach ihren Erfahrungen befragt. Neun Schüler waren mit Einwegkameras unterwegs.

Der Schüler als Packesel – das ist auf den Schulwegen also gleich geblieben und manches andere offenbar auch, leider. So findet sich in den Ausstellungstexten auch ein Rundschreiben an die Berliner Gemeindeschulen von 1913: „Nach einer Zeitungsnotiz gibt sich ein junger, gut gekleideter Mann Schulmädchen gegenüber, die er auf der Straße trifft, als Vertreter des Schularztes aus und behauptet, dass er beauftragt sei, sie in der Wohnung zu untersuchen, sobald er gehört hat, dass von der Familie niemand zu Hause ist.“

An Bauernwagen mit Pferden oder gar Ochsen kommt ein Berliner Schüler dagegen nicht mehr vorbei, anders als der 1798 geborene Gustav Parthey, der in seinen 1871 erschienenen „Jugenderinnerungen“ ein Knabenvergnügen aus dem frühen 19. Jahrhundert beschrieb: „Die Statur der Ochsen war so niedrig, dass ein Knabe im Vorbeigehn ein Horn erfassen und einen Augenblick lang in der Hand halten konnte, ehe das langsame Thier durch eine Kopfbewegung sich losmachte.“ Morgens musste sich der Knabe durch das Gewühl des Molkenmarktes drängen, nutzte die Schulmappe „sehr bald als Schild und Brustwehr gegen die schweren Obstkörbe, bald als Mauerbrecher durch die Knäuel der Hökerweiber“. Nachmittags wurde gebummelt, besonders am Anfang des Mühlendamms gab es viel zu sehen: „Ein Bilderkram mit vielen bunten Holzschnitten aus der Druckerei von Littfaß.“

Schon näher an heutiger Schülerrealität sind Konflikte zwischen erwachsenen Radfahrern und Schulkindern zu Fuß, über die sich laut einem Gemeindeschulblatt von 1896 der Schutzverband Deutscher Radfahrer beklagte. Wiederholt seien die Kinder Radfahrern in den Weg getreten, hätten sogar mit Steinen und Stöcken geworfen. Verglichen mit einer aktuellen „Unfallmeldung“ wirkt das wie ein Dummer-Jungen-Streich: „Während ein Schüler Andreas festhielt, boxte ein anderer Schüler Andreas in den Bauch. Andreas fiel zu Boden – dort wurde er weiter traktiert.“

„Schulwege“, Museum Kindheit und Jugend, Wallstraße 32, Tel. 275 0383, 15. August bis 15. Februar

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