Berlin : Der Pfarrer als Aktionär

Peter Wehr machte die Finanzkrise des Berliner Erzbistums öffentlich Als Seelsorger in Istanbul hat er ganz andere Schwierigkeiten

Juliane Schäuble

Peter Wehr ist ein ungewöhnlicher Aktienbesitzer. Weder liest er morgens als erstes die Börsennachrichten, noch muss er um sein Vermögen bangen, wenn der Aktienkurs fällt. Der Pfarrer ist nicht an Gewinnmaximierung interessiert. Das „Unternehmen“, an dem er eine Aktie hält, ist seine kleine Kirche in Istanbul. Den Besitz teilt er sich mit der Deutschen Bischofskonferenz und drei anderen „Kleinaktionären“. Eigentlich praktisch, wenn einem ein Teil der Wirkungsstätte gehört, könnte man meinen. Ob er stolz ist? Wehr zuckt mit den Achseln und sagt: „Es gibt zurzeit keine andere praktikable Lösung für unsere Gemeinde.“

Der 44-jährige Geistliche ist offiziell seit März dieses Jahres Pfarrer der deutschsprachigen katholischen St.- Pauls-Gemeinde im Istanbuler Stadtteil Sisli. Weil in der Türkei Religionsgemeinschaften keine Rechtspersönlichkeit besitzen, besteht die 1985 errichtete St. Paul-Gemeinde vor dem türkischen Staat seit den 60er Jahren in Form einer Aktiengesellschaft, auf die kein Seelsorger bestellt werden kann. Die pragmatische Lösung: Wehr ist Verwaltungsangestellter beim deutschen Generalkonsulat.

Mit schwierigen Finanz- und Rechtsfragen kennt sich der Pfarrer aus: Bevor er seinen Dienst in Istanbul antrat, war er drei Jahre lang Generalvikar des Erzbistums Berlin. In dieser Zeit wurde er bekannt, als er die zerrütteten Bistumsfinanzen öffentlich machte und für das hoch verschuldete Erzbistum einen Sanierungsplan erstellte. Keine leichte Aufgabe, und auch keine, bei der man sich nur Freunde macht. Wehrs Zeit als zweiter Mann nach dem Erzbischof Georg Sterzinsky ging zu Ende, und er wechselte in die praktische Seelsorge ins Ausland. Von den Vereinigten Staaten als möglicher neuer Wirkungsstätte war kurz die Rede, am Ende kam er nach Istanbul, als Gemeindepfarrer und Gesandter der Deutschen Bischofskonferenz. Ob er freiwillig ging oder nicht, darüber schweigt Peter Wehr. Er sagt nur: „Meine Arbeit in Berlin war getan, und daher stand ein Ortswechsel an.“

Am Bosporus muss er sich nun nicht mehr mit einem bankrotten Bistum herumschlagen, aber auch die Zukunft seiner neuen, nur wenige hundert Mitglieder zählenden Gemeinde ist unsicher. Da kann es schon vorkommen, dass das Grundstück mit Pfarrhaus, Kapelle und Altenheim durch den türkischen Treuhänder und ehemaligen Mehrheitsaktionär an eine Baugesellschaft verkauft wird. So geschehen kurz vor Weihnachten letzten Jahres. „Der Verkauf wurde zwar nach Protesten der Deutschen Bischofskonferenz wieder rückgängig gemacht, und die Bischöfe sind heute Mehrheitsaktionäre, aber wir sind vor ähnlichen Überraschungen nicht geschützt“, sagt Wehr. Sein Aufenthaltsrecht erhält er nur mit Hilfe des deutschen Generalkonsulats. Obwohl er die Genehmigung für fünf Jahre beantragt hat, gilt sie lediglich für zwölf Monate. Im nächsten März muss Wehr daher aufs Neue die Prozedur durchlaufen, gesichert ist die Erteilung des Bleiberechts nicht. Kuriositäten, die aus dem ungeklärten Rechtsstatus der Gemeinde herrühren.

In der Türkei leben 100000 Christen unter 70 Millionen Muslimen, sie machen gerade mal 0,15 Prozent der Bevölkerung aus. Darunter sind rund 15000 ausländische Katholiken. Eine religiöse Minderheit, die aber von der türkischen Regierung nicht als solche anerkannt ist. Nicht anerkannte Minderheiten können weder Gebetsräume noch konfessionelle Schulen und Seminare für die Ausbildung ihres Klerus errichten.

Da die Verfassung des laizistischen Staates keiner Religionsgruppe einen individuellen Rechtsstatus zubilligt, findet das öffentliche Leben religionsneutral statt. „Bei der persönlichen Religionsausübung bestehen in der Türkei zwar keine Probleme“, sagt Wehr. Er nennt das „die türkische Lösung“. Schwierig sei aber, dass die Kirchen bis heute keine neuen Priester ausbilden dürften und die ausländischen Gemeinden sich komplizierter Rechtskonstruktionen bedienen müssten, um ihrem Gottesdienst nachgehen zu können. „Der Staat billigt uns zwar zu, privat unsere Religion auszuüben, aber wir werden auch genau beobachtet, ob wir missionieren oder eine destabilisierende Wirkung ausüben.“ Was der Pfarrer so umschreibt, bedeutet, dass er ständig damit rechnen muss, abgehört zu werden. Am Telefon überlegt er sich daher jedes Wort genau. Vorsichtig sagt er nur, mit europäischen Standards von Religionsfreiheit habe das nicht viel zu tun. Das schrieb auch die Deutsche Bischofskonferenz unlängst der türkischen Regierung.

Obwohl Ankara mit Blick auf die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union schon viele Vorschriften gelockert habe, befinden sich die Kirchen laut Wehr immer noch in einer schwierigen Situation. Das türkische Baugesetz ist ein Beispiel dafür. 2003 wurde die seit 1985 existierende Vorschrift geändert, dass nur Moscheen gebaut werden dürfen – der Begriff „Moschee“ wurde durch „Gebetsstätte“ ersetzt. Da aber Kirchen nicht rechtsfähig seien, könnten sie keinen Antrag auf Errichtung eines neuen Gebäudes stellen. Nur gut, dass Wehr mit seinem schlichten Kapellenraum zufrieden ist. Nach Berlin will er jedenfalls erst einmal nicht zurückkehren.

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