Berlin : Der Phantomschmerz lässt nicht nach

West-Berlin? Ost-Berlin? Die Nostalgie wächst, je länger beide Stadthälften politisch miteinander verbunden sind

Bernd Matthies

West-Berlin wird geistig-moralisch umso größer, je länger es abgeschafft ist. Jedenfalls in den Augen jener, die drin geboren wurden oder zumindest lange genug irgendwo zwischen Zehlendorf und Frohnau gelebt haben, um den stetig anschwellenden Phantomschmerz auskosten zu können.

Alle anderen sind vor allem verblüfft über die Intensität der Diskussion, die sich an Antje Vollmers menetekelndem „Zeit“-Aufsatz und der drohenden Schließung der Ku’damm-Theater neu entzündet hat. Präziser: Sie verstehen sie einfach nicht. Denn der landläufige, nach der Hauptstadtwerdung zugezogene NeuBerliner hat größte Schwierigkeiten, die alten Grenzen überhaupt noch zu erkennen, und Jugendliche, Schüler, Studenten kümmern sich erst recht nicht drum: Für sie ist die Diskussion ungefähr so wichtig, als wolle jemand mit ihnen den möglichen Verfall von Ost-Hamburg oder Nordwest-Leipzig diskutieren.

Das wäre der Normalfall, aber Berlin war nie normal. Und insofern scheint es sogar konsequent, dass sich West-Berlin erst jetzt, 16 Jahre nach dem Mauerfall, in vielen Köpfen zu jener harmonischen Zivilisations-Oase zusammenfügt, die es früher nie war (für Ost-Berlin gilt natürlich Ähnliches). Die Ku’damm-Theater sind bedroht und die Schaubühne steckt in der Krise? Soso. Verblüffend, dass beide Entwicklungen in einem Atemzug genannt werden. Denn viele von jenen bedeutenden Kulturkritikern, die heute unsere Boulevard-Rampensäue wie Wolfgang Völz oder Edith Hancke als authentische und schützenswerte West-Berliner Lebensform hätscheln, wären früher lieber tot umgefallen, als deren Wirkungsstätten, die „Komödie“ oder das Hansa-Theater, zu besuchen; im Osten, beim Berliner Ensemble oder der „Distel“ hingegen waren sie schon zu DDR-Zeiten gern zu Gast.

West-Berlin war immer beides: Die Stadt von Wolfgang Spier und Peter Stein, von Rudi Dutschke und Axel Springer, von Ton Steine Scherben und Herbert von Karajan, von Interbau und Sozialpalast. Unerträglicher Spießermief und weltläufige Avantgarde waren in seinen Grenzen ebenso heimisch wie demokratischer Bürgersinn und dogmatische Sturheit, unabhängig von politischen Lagern. Seit der Vereinigung hat sich viel bewegt über diese alten Gräben hinweg, aber statt darüber froh zu sein, sehen die alten Eliten auf beiden Seiten nur Verluste. Doch kann nicht auch ein eingefleischter West-Berliner, der mit Kakao und Käsesahne im Kranzler aufgewachsen ist, das Aufblühen der Friedrichstraße als Gewinn empfinden? Oder einer, der einst immer nur Blauhemd tragen musste, gern in der aufblühenden Schloßstraße in Steglitz einen edlen Anzug kaufen?

Es wird viel geklittert dieser Tage, mutwillig idealisiert. Möchte wirklich irgendjemand das ganze West-Berlin zurück? Die selbstzufriedene Subventions-Weltstadt mit ihren Bürokratenarmeen und muffigen Maueridyllen? „West-Berlin geht nicht jetzt unter“, schreibt Ulf Poschardt in einem Beitrag für die „Welt“, „sondern es ging unter in jener Zeit, als Politiker wie Eberhard Diepgen, die nun laut schreien, das Sagen hatten.“ Das mag polemisch zugespitzt sein, aber es trifft einen wichtigen Punkt. Denn noch immer wird das Schicksal der Stadt von Politikern bestimmt, die sich vor allem als Ost- oder West-Berliner verstehen und ihre Aufgabe eher darin sehen, möglichst viel Teilendes zu erhalten, als etwas gemeinsames Neues zu schaffen. Und die in diesem Kampf um Erhaltung vor allem den Beleg dafür suchen, dass das, was sie damals gemacht haben, doch nicht alles ganz falsch war. Haben die Berliner ihre Stadt nie richtig geliebt, wie Richard von Weizsäcker jetzt auf der Suche nach Begründungen mutmaßt? Oder haben sie doch, aber immer nur die eigene Stadthälfte?

So kommt es, dass viele von uns immer noch Strichlisten führen und Grausamkeiten, wenn es sie denn unbedingt geben muss, so ebenmäßig verteilt sehen wollen wie Sendezeit im Wahlkampf. Fällt der Palast der Republik, mehren sich die Rufe nach einem Abriss des ICC; räumen Investoren das Hotel Unter den Linden, suchen Nostalgiker flugs nach einem Äquivalent im Westen. Kreisel? Deutschlandhalle? Selbst ein rein zufälliges, von den Betreibern und niemandem sonst verschuldetes Ereignis wie die Pleite der „Paris-Bar“ wird im Lichte dieser Abwägungen zum Politikum – man wundert sich, dass noch niemand ausgleichshalber die Zwangsschließung des „Borchardt“ gefordert hat. Autonome, sachbezogene Entscheidungen werden von Proporzerwägungen verdrängt, und noch immer kann jeder Nostalgiker auf Beifall in seinem Soziotop rechnen, wenn er stolz berichtet, er sei noch nie über den Gendarmenmarkt hinausgekommen, nach Osten oder Westen, je nachdem.

Es wäre schön, wenn statt von Ost- und West-Berlin allmählich mehr von Ganz-Berlin die Rede wäre. Keine Sorge: Die nächste Generation kriegt das hin. Es dauert nur noch eine Weile.

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