Berlin : Der Plattensammler

700 Menschen sind täglich auf den Mieträdern von „Call a Bike“ unterwegs. Klaus Rutzmoser repariert die Schäden

Frauke Herweg

Nummer 2781 sieht reichlich ramponiert aus. Das silbergrau und rot lackierte Mietrad von „Call a Bike“ steht ohne Sattel und ohne Ständer am S-Bahnhof Schönhauser Allee. Seinem Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht es nicht besser. Die Kette hängt schlapp auf dem Boden, der Bremszug schlottert zwischen den Vorderradfelgen. Klaus Rutzmoser, schwarze Sonnenbrille, schwarze Locken, seufzt. Der Disponent und Fahrradmechaniker von Call a Bike repariert die 2781 gleich auf der Straße – während die Sonne sengt und der Verkehr dröhnt. Für das andere Rad dagegen kann der 25-Jährige nichts tun. Rutzmoser lädt es in seinen Transporter. Am Nachmittag werden sich seine Kollegen in der Werkstattzentrale im S-Bahnbogen Bellevue drum kümmern. Vorher steuert Rutzmoser jedoch die nächste Adresse an – Prenzlauer Allee, Ecke Stubbenkammer Straße, ein Rad soll einen Platten haben.

Vor einem Jahr schickte die Deutsche Bahn ihre Call-a-Bike-Flotte in Berlin auf die Straße. Mehr als 14000 Kunden ließen sich seitdem registrieren, 700 steigen jeden Wochentag auf ein Mietrad. Ein voller Erfolg, findet Call-a-Bike-Chef Philipp Reth. Zwar schreibt das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn noch keine schwarzen Zahlen. Doch das soll bald erreicht sein. In zwei Jahren spätestens, hofft Reth.

Rund 1500 Räder sind auf Berlins Straßen unterwegs, weitere 150 gelten als Pflegefall für Rutzmoser und seine Kollegen – oder sind vermisst. Wirklich gestohlen wird allerdings kaum ein Rad. Das Design ist charakteristisch, um das Rad zu verkaufen. „Berücksichtigt man die große Menge an Fahrrädern, die wir haben, hält sich die Zahl der Vandalismusschäden in Grenzen“, sagt Rutzmoser. Einer seiner Kollegen hält die Schäden für eine Art Seismographen der Stadt: Beginnen die Ferien, steigt die Zahl der Schäden in Kreuzberg rapide an, führt die Bahn ein neues – unerwünschtes – Preissystem ein, ebenfalls.

Das Rad an der Prenzlauer Allee hat einen ganz ordinären Platten. „Der häufigste Schaden, zu dem wir ausrücken müssen“, sagt Rutzmoser. Mit schwarz verschmierten Händen wechselt er den schlappen Reifen. Routinesache. Rutzmoser zieht schon nach fünf Minuten den nächsten Problemfall aus seinem Block. „Trouble tickets“ heißen die Schadensberichte bei den Call-a-Bikern. Kunden haben einen Defekt in der Zentrale gemeldet. Und deren Mitarbeiter schicken dann einen Monteur an den Standort, den der Kunde beim letzten Abschließen des Fahrrades an die Zentrale durchgeben hat.

An der Ecke von Cantian- und Milastraße hatte ein Kunde zwar einen Standort durchgegeben, aber das Rad nicht richtig abgeschlossen. Und Rutzmoser muss ausrücken. Ein Drittel aller Neukunden, sagte er, habe zunächst Schwierigkeiten, die mit telefonisch abrufbarem Nummerncode freischaltbaren Fahrräder zu nutzen. Dabei ist das System eigentlich einfach: Wer radeln möchte, lässt sich unter einer Servicenummer, die auf der rechten Fahrradseite aufgedruckt ist, registrieren. Später ruft er nur noch die Nummer an, die auf der linken Seite aufgedruckt ist und erhält dort den vierstelligen Öffnungscode für das Schloss. Einfach, doch weil sich noch immer Bedienfehler einschleichen, überlegen die Call-a-Biker, wie sie das System noch schlichter halten könnten. Denn dann würden sich möglicherweise auch mehr Frauen für das Mietrad erwärmen. Mehr als 75 Prozent aller Nutzer sind derzeit Männer, jung, zwischen 18 und 35, und mit höherem Schulabschluss. „Die typische Innovatorenklientel eben“, sagt Call-a- Bike-Chef Reth. Er sagt es nicht gerne, aber die Zahlen sprechen für sich: „Leider scheinen sich da alte Vorurteile über Frauen und Technik zu bestätigen.“ Reth setzt jetzt auf den Faktor Zeit. In München, wo im Oktober 2001 die erste Call-a-Bike-Filiale der Deutschen Bahn, holen die Frauen inzwischen auf.

Wer sich als Kunde registrieren will, ruft die Numer 07000-5225522. Im Normaltarif sind pro Minute sechs Cent fällig, im Aktivtarif für Vielfahrer und Bahncardbesitzer vier Cent.

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