Berlin : Der Potsdamer Platz des Nordens

Klaus Wieking

Auf dem ehemaligen Borsiggelände am Tegeler See drehen sich wieder die Kräne. Die Firma Motorola baut an einer Fertigungshalle, gleich nebenan wachsen zwei neue Bürohäuser empor. Das Kalkül der Investoren, ein neues Stadtquartier aus Zukunftsindustrien und Freizeitangeboten zu schaffen, scheint aufzugehen. Damit das durch die Städtebaupolitik der siebziger Jahre schwer gezeichnete Alt-Tegel den Anschluss nicht verliert, wollen Bezirk und Geschäftswelt ab Mai das Erscheinungsbild mit Millionenaufwand liften.

Manfred Birk hat sich das Motto der amerikanischen Geschäftswelt zu eigen gemacht: Think big. Wer Großes schaffen will, muss groß denken. "Ein Klotz muss her, an den andere andocken können", sagte sich der Vorstandsvorsitzende der RSE Projektmanagement AG deshalb, als er Anfang der neunziger Jahre begann, das weltbekannte Gelände der Firma Borsig am Tegeler See neu zu erfinden. Das hatte damals seine beste Zeit als Industriestandort hinter sich, Thyssen hatte sich verabschiedet, Borsig war nur ein Platz am südwestlichen Rand geblieben. Zurück blieben die von gewaltigen Stahlträgern zusammengehaltenen Werkshallen mit ihren Gründerzeitfassaden aus den Anfängen des Industriezeitalters.

Wer heute auf das Dach des Borsigturms klettert, kann sich von der erstaunlichen Revitalisierung des Areals überzeugen. Der Blick fällt auf ein in verschiedenen Baustadien befindliches neues Stadtviertel, das sich mit seiner wuchtigen Stahl- und Glasarchitektur wie der Potsdamer Platz des Berliner Nordens ausnimmt. Entstanden sind auf dem rund 150 000 Quadratmeter großen Gelände ein Wohnviertel mit über 200 Wohnungen, das von dem französischen Architekten Claude Vasconi in fünf ehemalige Werkshallen untergebrachte Einkaufs- und Freizeitzentrum Borsig-Hallen, mehrere Bürogebäude, ein Hotel und ein Gründerzentrum. Außerdem wird derzeit in dem ehemaligen Verwaltungshaus von Borsig ein Gesundheitszentrum eingerichtet, das in diesem Frühjahr eröffnet werden soll.

Zu 100 Prozent vermietet

Über 800 Millionen Mark Investitionsmittel hat der Entwicklungsträger RSE Projektmanagement für den Standort Tegel eingesammelt, Geld, das nun durch die Auslastung der hochgezogenen Flächen wieder eingespielt werden muss. Und die Auslastung sei gut, betont Manager Birk. Das vor rund einem Jahr an den Start gegangene Einkaufs- und Freizeitzentrum Borsig-Hallen ist zu 100 Prozent vermietet, zieht durchschnittlich rund 20 000 Menschen täglich an, und erzielte in seinem ersten Jahr 214 Millionen Mark Umsatz. Voll ausgelastet ist auch das Gründerzentrum "Phönix", in dem sich 50 Firmen vornehmlich aus dem Bereich der sogenannten Zukunftsbranchen - Medien, Informations- und Kommunikationstechnik, Software-Entwicklung - angesiedelt haben. In den ersten drei Jahren gingen nur zwei Nachwuchs-Firmen pleite.

Nach Angaben von Phönix-Geschäftsführer Rolf Friedrichsdorf hat sich die Zahl der Arbeitsplätze von rund 150 auf etwa 280 erhöht. Obwohl RSE an dem Gründerzentrum wegen der öffentlichen Förderung kein Geld verdienen darf, hat es Phönix nicht ohne Eigennutz aufgebaut, schließlich sollen die groß gezogenen Firmen einmal in den Borsig-Gewerbepark umziehen.

Auch im Bürobereich ist die Auslastung so gut, dass die RSE AG jetzt die nächste Bauphase zündet. Westlich des Borsigturms entstehen nach den Entwürfen des Kanzleramts-Erbauers Axel Schultes für weitere 50 Millionen Mark zwei parallel verlaufende Gebäude mit weiteren 13 000 Quadratmetern Bürofläche, die 2001 bezugsfertig sein sollen. Gleich nebenan baut die Firma Motorola für fast 70 Millionen Mark ein Verwaltungs- und Fertiggungsgebäude, in der einmal 500 Menschen beschäftigt sein sollen. Die Begründung des Technologieunternehmens für den Bau einer Dependance in Tegel dürfte Manfred Birk besonders süß in den Ohren geklungen haben. Als vorteilhaft sehe man neben der günstigen Verkehrsanbindung die "kommunikative Nähe" zu dem Innovations- und Gründerzentrum an, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmes. "Wir wollten die neuen Industrien und haben sie bekommen", frohlockt Birk, der früher als Referent für Wirtschaftssenator Elmar Pieroth tätig war.

Auch der Bezirk ist von dem geglückten Ansiedlungsexperiment auf dem Borsig-Gelände angetan. Dort zeige sich für ganz Berlin exemplarisch, wie man eine Industriebrache städtebaulich neu entwickeln könne, meint Baustadtrat Michael Wegner (CDU). Sorge bereitet ihm dagegen das einst als Einkaufszentrum geschätzte, inzwischen in die Jahre gekommene Alt-Tegel. Nach der Neugestaltung des Mittelstreifens der Berliner Straße, die Alt-Tegel mit dem Borsiggelände verbindet, soll im Mai auch die reichlich herunter gekommene Fußgängerzone in der Gorkistraße aufgemöbelt werden.

Zu mehr Glanz sollen beispielsweise eine neue Pflasterung und Straßenmöbel beitragen. Dazu werden nach Wegners Angaben der Bezirk und ansässige Geschäftsleute jeweils 1,5 Millionen Mark beisteuern. Außerdem wurden für das Gebiet rund um die Buddestraße zwei Bebauungspläne aufgelegt, die vor allem Gewerbe, Büro und Handel anziehen sollen. Die Strahlkraft des Borsiggeländes beginnt also zu wirken.

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