Berlin : Der Preis der Zerstörungswut

S-Bahn startet Offensive gegen Vandalismus

Stefan Jacobs

Sie haben Preisschilder in den verwüsteten S-Bahn-Wagen gehängt. Beschmierter Sitz: 90 Euro, besprühtes Kunststoffteil 220, kaputte Seitenscheibe 600, verbogene Haltestange 270, abgebrochener Klappsitz 360, geleerter Pulverlöscher 240 Euro. „240? Das ist aber nur der Feuerlöscher“, sagt Sven Weiher, Betriebstechnik-Azubi bei der S-Bahn. „Um den feinen Dreck wieder rauszukriegen, müssen wir den ganzen Zug auseinander bauen.“ Tag für Tag ist der 18-Jährige damit beschäftigt, die von manchen seiner Altersgenossen angerichteten Schäden zu beseitigen. In Zahlen: 370 000 Quadratmeter beschmierte Flächen, 22 000 kaputte Sitzpolster, 2687 Scheiben. 5,6 Millionen Euro hat die S-Bahn im vergangenen Jahr dafür ausgegeben, 40 Prozent mehr als zuvor – Ausfallzeiten, Ersatzzüge und Imageschaden nicht mitgerechnet. Obwohl für Hinweise auf Täter Belohnungen winken, ist es so schlimm geworden, dass das Unternehmen in die Offensive gegangen ist: Den ganzen Mittwoch lang hat es einen verwüsteten Zug im Bahnhof Potsdamer Platz ausgestellt. S-Bahner und Polizisten wollen Fahrgäste animieren, Vandalismus nicht hinzunehmen. Und Tätern vorrechnen, dass es richtig wehtut, wenn man erwischt wird.

„Das Privileg, die Schäden abarbeiten zu dürfen, haben nur Ersttäter“, sagt die S-Bahn-Sicherheitsbeauftragte Ellen Karau. Praktisch sieht das Privileg so aus, dass beispielsweise Schüler am Wochenende Kaugummis von Bahnsteigen kratzen oder Schnee schippen, aber nichts bezahlen müssen. Die meisten Randalierer seien zwischen 14 und 24, oft aus geordneten Verhältnissen; Gymnasiasten, Azubis. Manche würden in zwei Minuten einen ganzen Wagen besprühen – wie den ausgestellten. 10 000 Euro, steht auf dem Preisschild außen, darunter der Gegenwert: Fahrschule plus Kleinwagen.

„Sprühen dürfen sie, putzen nicht“, murrt S-Bahn-Geschäftsführer Günter Ruppert. Der Arbeitsschutz verbiete der Bahn, Jugendliche mit Lösungsmitteln ihr – nicht minder gifthaltiges – Werk wieder abputzen zu lassen. „Schwer verständlich“ findet Ruppert das. Sein Sprecher Ingo Priegnitz empört sich: Die Sprühereien seien „kriminelle, geplante Angriffe. Wir erwarten, dass man als Zeuge zum Handy greift und 110 wählt. Das ist zumutbar, das muss jedem Fahrgast klar sein! Es geht hier um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.“

Anders als neuere U-Bahnen und Busse sind die S-Bahnzüge nicht videoüberwacht. „Wir werden demnächst einen neuen Pilotversuch starten“, sagt Ellen Karau, nach deren Aussagen ein früherer Test an technischen Problemen scheiterte. Immerhin 505 Sprayer seien im vergangenen Jahr auch ohne Kameras identifiziert und angezeigt worden. Ein Plus zwar, aber das Ausmaß der Schäden hat stärker zugenommen. Am schlimmsten treffe es die Bahnen nach Wartenberg und Ahrensfelde im Berliner Nordosten.

„Ohne Vandalismus könnten wir 180 Jugendliche mehr ausbilden“, hat Ellen Karau ausgerechnet. Sven Weiher, der Azubi, steht im Dreck und sagt: „Es ist der Wahnsinn, wie die Züge zurückkommen. Ich hätte es vorher nicht geglaubt.“ Morgen muss er wieder ran. Jeden Tag das gleiche sinnlose Spiel.

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